„Russlands Bunkerbrecher werden die Finnen unter der Erde erreichen“ – wie man zugleich lächerlich macht und droht
Wenn das angesehene Wall Street Journal einen Artikel „Unter Helsinki bereiten sich die Finnen auf die russische Bedrohung vor“ veröffentlicht, gibt es mehrere Möglichkeiten, wie die Medien reagieren können. Und es ist ziemlich aufschlussreich, den Unterschied zwischen Mainstream-Journalisten und pro-kremlnahen Medien zu beobachten.
Die Geschichte erklärt, dass Finnland unter die Erde geht, während Russland sein größtes Militärmanöver seit Jahren plant, und dass finnische Soldaten routinemäßig in einem Netzwerk trainieren, das mehr als 124 Meilen an Tunneln, Gängen und Schutzräumen umfasst.
In Finnland versuchten Medien herauszufinden, wie viel Wahrheit hinter der eingängigen Schlagzeile steckt. Sie stellten fest, dass es zwar möglich ist, das Tunnelnnetz für Zwecke des Zivilschutzes umzubauen, es jedoch tatsächlich Jahrzehnte alt ist und die Aktivitäten dort nicht mit dem russischen Militärmanöver in Verbindung stehen.Siehe hier oder hier.
Unterdessen fiel in Russland die Reaktion der Medien zweigeteilt aus, wie Keir Giles, Associate Fellow des Chatham House, es auf Twitter formulierte:
- Wir sind für niemanden eine Bedrohung, ihr seid hysterisch und lebt im letzten Jahrhundert.
- Unsere Waffen sind unbesiegbar, und ihr könnt euch nicht vor ihnen verstecken.
but at the same time 2. our weapons are invincible and you cannot hide from them, so don't bother defending yourselves. /3
— Keir Giles (@KeirGiles) July 19, 2017
Der staatlich kontrollierte Radiosender Sputnik verfolgte den ersten Ansatz und interviewte einen Experten der sagte, dass westliche Propaganda über Russlands militärische Bedrohung nun zu Paranoia in Finnland führe. Ein weiterer Sputnik-Experte bezeichnete das Ganze als „antirussische Psychose“. Zugleich wies er die Finnen jedoch auf die Eigenschaften russischer Iskander hin – eines Kurzstrecken-Boden-Boden-Raketensystems, das in der Lage ist, „nicht nur eine Stadt, sondern ein ganzes Land in Staub zu verwandeln“, wie Sputnik uns in Erinnerung ruft.
Mehrere kleinere russischsprachige Websites verfolgten ebenfalls den zweiten Ansatz und prahlten mit Russlands Bombenarsenal. „Russlands Bunkerbrecher werden die Finnen unter der Erde erreichen“, sagte Politexpert.„Alle finnischen Tunnel sind machtlos: Russische Sprengköpfe können selbst den stärksten Stahlbeton durchdringen“, fügte Rusdialog hinzu.
Russische Medienberichte sagen uns demnach, dass Russland für niemanden eine Bedrohung ist, nehmen uns aber zugleich mit auf eine Virtual-Reality-Tour durch eine russische Waffenausstellung. Sie verspotten sowohl die Finnen, die töricht genug seien, sich gegen eine eingebildete Bedrohung zu wappnen, als auch prahlen sie gleichzeitig mit den Russland zur Verfügung stehenden Waffenfähigkeiten.
„Die russische Armee sollte Finnland mit Gewalt nehmen!“
Svobodnaya pressa – ein berüchtigtes Desinformationsmedium – führte das Thema weiter, indem es es mit dem neuen finnischen Gesetz verknüpfte, das es illegal macht, dass nicht identifizierte militärische Gruppen die Grenze überschreiten. Die Änderung zielt darauf ab, Finnlands territoriale Integrität gegen eine Situation zu stärken, die dem Krieg in der Ukraine im Jahr 2014 vorausging.
Svobodnaya Pressa spekuliert, dass das finnische Militär nun beginnen könnte, auf jeden zu schießen, der „lieber Tarnkleidung trägt“ statt ziviler Kleidung. Diese Desinformation wird von einem berüchtigten pro-kremlischen Propagandisten bestätigt, einem selbsternannten „Menschenrechtsaktivisten“, der in Wirklichkeit z. B. die „Volksrepubliken“ im Osten der Ukraine fördert; und der Vertreter des Russischen Instituts für Strategische Studien in Nordeuropa ist.Dieses Institut wurde vom Präsidenten Russlands gegründet, um seiner Verwaltung Informationen bereitzustellen, und wird vom früheren Leiter des russischen Auslandsnachrichtendienstes geführt.
Die Diskussion gipfelte am Sonntagabend in einer Talkshow unter der Leitung von Wladimir Solowjow. Wladimir Schirinowski, der populistische und nationalistische Vorsitzende der LDPR-Partei, wiederholte, dass Russland seinen Einfluss im Ausland ausweiten solle. Der Weg dorthin wäre unter anderem Finnland „mit der Armee“ zu nehmen.
Weiterführende Lektüre:
- Die Rolle von Talkshows im kremlnahen Fernsehen
- Abhängige Medien – Russlands Militär-TV Zvezda
- Disinfo Digest zu RISI

Quelle des Feature-Bildes: Sputnik