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Sozialismus gegen Kaugummi eintauschen

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Die Militärdoktrin des Kremls zur Selbsttäuschung

Die Führung im Kreml hat seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 30 Jahren eine besondere Variante der „Dolchstosslegende“ kultiviert. Der Leiter des mächtigen Ermittlungskomitees, Aleksandr Bastrykin, behauptete 2016, die UdSSR sei wegen „ausländischer Einmischung“ zusammengebrochen:

Die Zerstörung des ideologischen Fundaments der UdSSR, des Prinzips der Brüderlichkeit der Nationen, wurde vom Ausland aus angestiftet.

Ähnliche Vorstellungen haben die meisten Dokumente zur Sicherheit und Außenpolitik in Russland durchdrungen.

Russland hat das Konzept eines angegriffenen Landes seit den frühen 2000er-Jahren gepflegt, als Wladimir Putin als neu gewählter Präsident Russlands sein erstes bedeutendes politisches Dokument veröffentlichte, die Doktrin zur Informationssicherheit.

Fast zehn Prozent der Fälle in der EUvsDisinfo-Datenbank zu Desinformation stellen verschiedene Formen von Verschwörungstheorien dar, und wir haben mehrere Artikel zu diesem Thema geschrieben. Die Grundidee einer Verschwörungstheorie ist, dass alles, was geschieht – seien es historische Ereignisse, Unfälle, politische Prozesse, Terrorakte oder sogar Naturkatastrophen – unheilvolle, tiefere Erklärungen hat als das, was auf der Oberfläche zu erkennen ist.Die Sowjetunion brach nicht wegen katastrophaler Misswirtschaft mit Ressourcen, Korruption und Inkompetenz auseinander, sondern wegen eines raffinierten Angriffs von Russlands Feinden. Die Hunderttausenden Russen, die im Januar 2021 gegen die Regierung protestierten, brachten nicht ihre Unzufriedenheit mit der Misswirtschaft, Korruption und Inkompetenz der gegenwärtigen Machthaber Russlands zum Ausdruck, sondern wurden stattdessen von ausländischen Geheimdienstagenten bezahlt.

Doch nun scheint offensichtlich, dass der Kreml nicht nur Verschwörungstheorien verbreitet – er stützt seine Politik auf sie. Ein gewaltiges theoretisches System, eine ganze Mythologie, aufgebaut auf unbegründeten Behauptungen über den „Deep State“, „US-Hegemonie“ und „die Schattenherrscher“ – all das muss durch entsprechende Behauptungen in loyalen Medien gestützt werden. Das Journal of Strategic Studies skizziert in einem Artikel aus dem Frühjahr 2020, wie Verschwörungstheorien – Lügen – zum Eckpfeiler der russischen Militärtheorie und der außenpolitischen Praxis geworden sind, wobei ihre grundlegende Ausrichtung antiwestlich und illiberal ist.

Die Handlung verdichtet sich

Verschwörungstheorien sind faszinierend und ein großartiger Stoff für James-Bond-Filme, Spionageromane und Comics – der belgische Comiczeichner Hergé nutzt häufig verschiedene Geheimbünde als dramaturgisches Element in der Comic-Serie Die Abenteuer von Tim und Struppi. Als dramaturgisches Mittel sind Verschwörungstheorien großartig.Als Fundament für die nationale Sicherheit – eher weniger.

Eine jüngste Veröffentlichung (16. August 2021) in der russischen Zeitschrift Voennaya Mysl (Militärisches Denken) begründet das Konzept der „Mental Warfare“ – laut dem Autor Andrey Ilnitskiy eine völlig neue Form der Kriegführung:

Die neue Art der Kriegführung [zielt darauf ab], die Identität zu zerstören; das mentale und zivilisatorische Fundament der Gesellschaft des Feindes zu verändern. Wir glauben, dass der Begriff „Mental Warfare“ für diese Art der Kriegführung am besten geeignet ist, die darauf abzielt, die Weltanschauungen und das zivilisatorische Fundament des Feindes zu zerstören.

Und wer führt diesen Krieg? Nun, der einzige verbleibende Staat sind die USA, da „Europa kein Subjekt mehr ist“. Die Vereinigten Staaten werden ihrerseits von einem „Deep State“ und von „Globalisten“ kontrolliert.

Das Ziel der Globalisten und der USA ist es, Russland als Hindernis auf dem Weg zur Errichtung einer neuen Weltordnung zu beseitigen.

Sozialismus oder Kaugummi

Die „Neue Weltordnung“ ist ein beliebtes Trope unter Verschwörungstheoretikern, und der Begriff kommt häufig in der EUvsDisinfo-Datenbank vor. In diesem Fall ist Andrey Ilnitskiy ein Berater des russischen Verteidigungsministers, und sein Artikel wird von einer großen russischen Zeitschrift für Militärtheorie veröffentlicht.Dies ist keine Randpublikation, die in den düsteren Ecken des Internets lauert; hier nimmt russische Verteidigungspolitik Gestalt an. Der Autor beschreibt die Mechanismen hinter dem Zusammenbruch der Sowjetunion:

Aber täuschen wir uns nicht: Wir haben diese Entscheidung selbst getroffen, trotz der ausländischen Einmischung und des Verrats durch Teile der Eliten. Wir tauschten das sozialistische Leben gegen Jeans, Kaugummi, Auslandsreisen, Frieden auf Erden und andere ideologische Simulakren.

Der Autor zieht den Schluss, dass im Zeitalter der Mental Warfare der Feind zugleich ausländisch und inländisch ist. Die Vereinigten Staaten mögen der Feind sein, doch die eigentliche Bedrohung geht von einer Welt aus, in der Staaten aufhören zu existieren. Eine Weltordnung, die auf Nationalstaaten basiert, wird dekonsturiert.

Die Angriffe kommen sowohl von außen als auch von innen, und die wichtigste Plattform für Russlands Feinde im Inneren sind die kompradorischen Eliten.

Globalisten von außen, nach Kaugummi gierende Verräter von innen. EUvsDisinfo.eu widmet Zeit und Energie dem Nachweis, wie russische staatlich kontrollierte und andere pro-kremlnahe Medien Verschwörungstheorien an ausländische und inländische Zielgruppen verbreiten. In diesem Fall sehen wir, wie Lügen Russland vergiften. Anstatt reale Bedrohungen zu analysieren, greifen russische Militärkommentatoren Windmühlen an.Kreml-Desinformation ist nicht nur eine Bedrohung für Europa; Kreml-Desinformation schwächt Russlands Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen.

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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