25. Jahrestag (I): Der Fall der Sowjetunion
Boris Jelzin übernahm die Macht in dem Vakuum, das entstand, als Gorbatschow im August 1991 von seinem inneren Zirkel verraten wurde (Foto von Yeltsincenter.ru)
Vor 25 Jahren wachten die fast 300 Millionen Einwohner der Sowjetunion mit dieser Bekanntmachung auf:
Eine Gruppe der höchstrangigen Politiker und Militärführer des Landes hatte versucht, die Macht an sich zu reißen, sie jedoch nach einem dreitägigen Patt mit widersprechenden und ungehorsamen sowjetischen Bürgern wieder verloren.
Für die meisten Russen war dies das Ereignis, das das Ende der Sowjetunion markierte. Dieses Jubiläum wurde in der vergangenen Woche in der russischen Kultur, den Medien, dem politischen Leben und in historischen Debatten begangen.
19.08.1991 in russischen Regierungsmedien
Da die derzeitige politische Führung an keinerlei Zeremonien teilnahm, blieb die Öffentlichkeit ohne eine von der Regierung unterstützte Erzählung über die Ereignisse von 1991.
Stattdessen sendete der staatlich kontrollierte Fernsehsender Rossiya-24 eine Reihe von Interviews mit überlebenden Augenzeugen und Teilnehmern der historischen Ereignisse.
Die Reihe vermittelte vorsichtig eine etablierte pro-kremlfreundliche Botschaft, nämlich dass das Publikum eher mehr Verwirrung als Klarheit erwarten sollte.Dies wurde in einem Interview mit Nikolai Ryschkow, Ministerpräsident im Jahr 1991, geäußert, der sagte, er „sei sich immer noch nicht sicher, dass Gorbatschow tatsächlich nicht selbst hinter dem Putsch stand.“
Rossija-24 verwies außerdem auf eine von Sputnik veröffentlichte Umfrage, Russlands offizielles internationales Sprachrohr.
Eine Mehrheit der Befragten in 11 verschiedenen ehemaligen Sowjetstaaten findet, dass das Leben in der Sowjetunion besser war als danach; in der Ukraine behauptet Sputnik, dass 60 % der Befragten, die alt genug sind, sich an die Sowjetunion zu erinnern, „glauben, dass das Leben in der Sowjetunion besser war als nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion“ – ein Kommentar zum anhaltenden Konflikt zwischen Russland und der Ukraine?
19.08.1991 in russischen unabhängigen Medien und Kultur
Unter der Überschrift „Ein stiller 25. Jahrestag“ konzentrierte sich das unabhängige RBC auf den Wunsch der Behörden, den Jahrestag herunterzuspielen.
RBC unterstrich außerdem, dass, während eine prodemokratische Demonstration zum Gedenken an die Opfer der Ereignisse vom August 1991 nicht erlaubt wurde, die Moskauer Stadtbehörden eine Kundgebung der rechtspopulistischen LDPR (geführt von Wladimir Schirinowski) zur Unterstützung der Ideen des versuchten Staatsstreichs akzeptierten.
Das unabhängige Online-Medium Colta.ru organisierte gemeinsam ein Festival im Stil der 1990er Jahre in einem Park im Zentrum Moskaus:

Unter den ausgestellten Gegenständen bei der„Island-1991“-Festival war dieser Oberleitungsbus, der im August 1991 in Moskau als Barrikade genutzt wurde (Foto von Svoboda.org)
Colta berichtet, dass das Festival mit dem Titel „Island-1991“ Kunst- und Musikdarbietungen, politische Diskussionen und interaktive Ausstellungen bot und sich zudem an ein jüngeres Publikum richtete, das keine persönliche Erinnerung an den August 1991 hat.
Offenbar war es das Ziel des Festivals, die Atmosphäre von Solidarität und Freiheit der 1990er Jahre nachzustellen und sie von den heutigen autoritären Regeln abzugrenzen.Zu den Veranstaltungen gehörte eine Vorführung der Dokumentation „The Event“ – ein Mosaik aus Amateuraufnahmen, die während der Ereignisse im August 1991 gedreht wurden:
Der unabhängige Fernsehsender Dozh (TV Rain) markierte den Jahrestag auf Facebook, indem er die Neun-Uhr-Nachrichtenberichterstattung vom 19. August 1991 über den Putsch im sowjetischen Staatsfernsehen veröffentlichte und dabei den kritischen und unabhängigen Journalismus hervorhob, der in diesem späten sowjetischen Nachrichtenbeitrag zu sehen ist.
Eine der prominentesten kritischen Stimmen Russlands, Oleg Kaschin, kommentierte das gemischte Gefühl der Freude darüber, dass das sowjetische Regime zu Ende ging, zugleich aber auch den Verlust der Jahre von Glasnost und Perestroika, die, so Kaschin, in einem positiven Licht betrachtet zu werden verdienen:
„Heute ist ein Anlass, an jene andere Sowjetunion zu erinnern, die inzwischen von allen vergessen wurde. Die Sowjetunion, in der Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ in Millionenauflage veröffentlicht wurde.Die Sowjetunion, in der der große Humanist und Nobelpreisträger Andrei Sacharow in freien Wahlen ins Parlament gewählt wurde […]
Dies war die Sowjetunion, in der ein riesiger Stein von den Solowezki-Inseln [bekannt für ihre GULAG-Straflager] auf dem Lubjanka-Platz [vor dem KGB-Hauptquartier] als Gedenken an alle Opfer des bolschewistischen Terrors aufgestellt wurde. Die Sowjetunion, in der Lagerhallen, Turnhallen und Kuhställe […] wieder in ihren früheren Zustand als Kirchen zurückversetzt wurden […] Es war kein sehr lebenswertes Land, aber es war ein sehr interessantes Land; vielleicht war dieses Land das freiste und offenste in der ganzen Welt.”