Das Staatsfernsehen in Russland als Waffe gegen die Opposition
Nicht nur die Gegenüber des Kreml auf der internationalen Bühne werden von der Desinformationskampagne ins Visier genommen. Oppositionspolitiker, Menschenrechtsverteidiger und andere Mitglieder der Zivilgesellschaft innerhalb Russlands sind nicht minder häufig Opfer diskreditierender Medienangriffe.
Eine volle Stunde Spott
Letzte Woche war es das Oppositionsmitglied Ksenia Sobchak, das durch die Mühle von Spott, Einschüchterung und Falschdarstellung gedreht wurde, nachdem sie eine Einladung angenommen hatte, in einer Talkshow im russischen Staatsfernsehen aufzutreten und über ihren erklärten Wunsch zu sprechen, bei den Präsidentschaftswahlen im März in Russland als Kandidatin anzutreten.

Oppositionspolitikerin und Journalistin Ksenia Sobchak trat am 11. Dezember im russischen Staatsfernsehen auf. Bild von Sobchaks Kampagnen-Website.
Während einer vollen Stunde wurde Frau Sobchak angeschrien, unterbrochen und mit Einschüchterungen und Sarkasmus vonseiten zweier männlicher Moderatoren verspottet, die die volle Unterstützung der vielen Applausrunden des Studiopublikums genossen. Die gegen Frau Sobchak angewandte Taktik bestand darin, sie als jemanden aus dem Showbusiness darzustellen, also als jemanden, den man nicht ernst nehmen kann, obwohl Sobchak eine angesehene Journalistin und selbst eine Moderatorin beim unabhängigen Sender TV Rain (Dozhd) ist.Die Einschüchterung erreichte ihren Höhepunkt, als einer der Talkshow-Moderatoren eine Clownsmaske aufsetzte, um zu untergraben, was im Programm noch an Ernsthaftigkeit übrig war; bezeichnenderweise geschah dies in dem Moment, als Frau Sobchak ihre Auffassung der Krim als von Russland illegal annektiert darlegte.

Einer der Talkshow-Moderatoren trug eine Maske, um Ksenia Sobchak lächerlich zu machen. Screenshot von Pervy Kanal.
„Ich hätte nie gedacht, dass man so offen, so schamlos lügen kann“
Sobchak reagierte auf Instagram auf diese Erfahrung, mit einem Bild des Talkshow-Moderators mit der Clownsmaske, zusammen mit folgendem Kommentar, in dem die Desinformation beschrieben wird, die in der Sendung gegen sie eingesetzt wurde:
„Heute hatte ich Glück – ich bin in die Hölle gegangen. Ihr werdet zustimmen, dass nicht jeder das Glück hat, herauszufinden, ob es ein Leben nach dem Leben gibt. Jetzt weiß ich es mit Sicherheit – es gibt eines. Und es heißt ‚Vremya Pokazet‘ [‚Die Zeit wird es zeigen‘, der Name der Talkshow] auf [dem staatlichen Fernsehsender] Pervy Kanal […] Das war eine wichtige und wertvolle Lektion. Jetzt weiß ich, wie in kurzer Zeit die gebildetsten Menschen Europas in hinters Licht geführte Massen verwandelt werden können. Wie kluge, freundliche und offene Menschen in eine wütende Armee von Primitiven verwandelt worden sind, die vom Tod ihres Nachbarn, Freundes, Bruders träumen […] Ich hätte nie gedacht, dass man so offen, so schamlos lügen kann.“Es ist leicht, live zu senden, wenn man Aufnahmen verwendet, die von den eigenen Redakteuren produziert wurden, und sie so präsentiert, als seien es Telefonanrufe von Zuschauern. Wenn man mit beleidigtem Gesichtsausdruck das ganze Land anschreien kann, dass die Ukraine nie Atomwaffen gehabt habe; dass wir nie ein Freundschafts- und Kooperationsabkommen mit der Ukraine gehabt hätten; dass die Renten in Russland nicht 7.600, sondern 11.300 Rubel betragen. Das ist in Ordnung. Darauf war ich – mehr oder weniger – vorbereitet. Aber dass meine eigenen Worte nicht nur verdreht und aus dem Zusammenhang gerissen werden, sondern dass mir Worte zugeschrieben werden, die ich nie gesagt habe!”
Kremltreue russische TV-Sender werden oft eingeladen, Polizeirazzien zu dokumentieren und andere Formen von Einschüchterungsangriffen, die sich gegen zivilgesellschaftliche Organisationen richten. Bild: Youtube.
Die Tradition, Dissidenten im kremltreuen Fernsehen zu diskreditieren
Dass Talkshows im russischen Staatsfernsehen Intoleranz und Aggression gegenüber abweichenden Stimmen fördern, ist nichts Neues; wir haben diese Funktionen in zwei früheren Publikationen beschrieben, “Die Rolle von Talkshows im pro-kremlnahen Fernsehen” und “Das Merkmal der Gewalt gegen Ausländer im russischen Fernsehen“. Wir haben außerdem in unserer Datenbank mehrere Fälle dokumentiert, in denen Desinformation vom staatlichen TV-Sender Perwy Kanal verbreitet wurde, und insbesondere in der Sendung „Wremja Pokaschet“.In ähnlicher Weise haben wir bereits zuvor das spezielle Genre dokumentiert, in dem kremltreue Fernsehsender diskreditierende und belastende Angriffe auf Oppositionsmitglieder und Vertreter der Zivilgesellschaft produzieren, die als investigative Dokumentarfilme getarnt werden.
Die Art und Weise, wie Ksenia Sobchak in der vergangenen Woche behandelt wurde, zeigt, dass das Staatsfernsehen in den Augen des Kremls weiterhin eine legitime Waffe gegen Russlands Opposition bleibt.