Desinformation schürt Hass im belarussischen Fernsehen
„Ratten“, „Degenerierte“, „menschliche Abscheulichkeiten“ – dies sind nur einige der Bezeichnungen, mit denen das staatlich kontrollierte belarussische Fernsehen Oppositionsaktivistinnen und -aktivisten beschreibt. Während das belarussische Regime sein Vorgehen gegen die politische Opposition, die Zivilgesellschaft und unabhängige Journalistinnen und Journalisten verschärft, wird die Rhetorik der regimekontrollierten Medien zunehmend radikalisiert und grenzt an Hassrede.
Jeden Sonntagabend zeigt ein wöchentliches Panorama beim staatlich kontrollierten belarussischen Sender CTV einen Abschnitt, der ominös „Orden des Judas“ genannt wird. Moderiert von dem 26-jährigen Grigorij Azarenok, hebt der Abschnitt Belarussinnen und Belarussen hervor und nimmt sie ins Visier, die laut[i] den staatlich kontrollierten Medien „in der Sünde des Verrats vereint sind, die unseren Staat mehr als alle anderen hassen“ und die „den eigentlichen Begriff, Belarusin bzw. Belarusse zu sein, in Verruf gebracht haben“.[ii]
Die Liste der sogenannten „Regimeverräter“ ist lang und umfasst belarussische Oppositionsführerinnen und -führer, Aktivistinnen und Aktivisten sowie Social-Media-Influencer, Sängerinnen und Sänger und Künstlerinnen und Künstler, Journalistinnen und Journalisten und Medienpersönlichkeiten, ehemalige Regimefunktionäre und Diplomaten.Jeder, der es wagte, sich gegen den illegitimen Präsidenten von Belarus, Aljaksandr Lukaschenka, und seine Repressionen auszusprechen, ist ein Ziel und wird im Hauptabendprogramm im Fernsehen persönlich verunglimpft.
Die in der Sendung verwendete Sprache ist nicht einfach nur herabwürdigend, sie ist entmenschlichend. Die dissentierenden Belarussen wurden unter anderem als „widerliche Reptilien[iii]“, „Scheusale der Menschheit[iv]“, „unmenschlich[v]“, „Parasiten und Faulenzer[vi]“, „Makaken[vii]“, „Ratten[viii]“, „Quallen[ix]“ „leichenhaft aussehende Hexen[x]“ bezeichnet.Beunruhigenderweise gehen solche Bezeichnungen mit impliziten Gewaltandrohungen einher: Jede Ausgabe des „Ordens des Judas“ enthält ein Foto eines sogenannten „Verräters“, wobei ein Strick prominent zur Schau gestellt wird.

Jede Ausgabe des „Ordens des Judas“ wird außerdem von Kommentaren eines „Psychologen“ begleitet, der in bester Tradition der UdSSR nahelegt, dass das Protestieren gegen das illegale Regime eine psychische Störung sei, statt ein Ausdruck politischen Willens.
Verfügbar auf YouTube
Alle Ausgaben des „Ordens des Judas“ sind nicht nur auf der offiziellen CTV-Website, sondern auch auf YouTube verfügbar. Obwohl die Plattform erklärt hat, dass Inhalte, die „Einzelpersonen oder Gruppen entmenschlichen, indem sie sie als untermenschlich bezeichnen, sie mit Tieren, Insekten, Schädlingen, Krankheiten oder irgendeiner anderen nichtmenschlichen Entität vergleichen“, gegen ihre Richtlinien verstoßen, sind alle Ausgaben des „Ordens des Judas“ leicht zugänglich und wurden über 270.000-mal* aufgerufen.

Desinformation biblischen Ausmaßes
Der endlose Strom pro-Lukaschenko- und pro-Kreml-Desinformation, der sich gegen belarussische Dissidenten und Aktivisten richtet, hat einen fruchtbaren Boden für toxische und entmenschlichende Rhetorik bereitet.Jemanden als „menschliche Abscheulichkeit“ zu bezeichnen, wäre ohne ein etabliertes Desinformationsnarrativ nicht möglich, das behauptet, belarussische Oppositionsaktivisten und Dissidenten seien Neo-Nazis, und dass die Proteste gegen Aljaksandr Lukaschenka Versuche gewesen seien, den Nazismus wiederherzustellen. In ähnlicher Weise ergäbe das Auskeilen gegen „liberalen Abschaum[xi]“ (einschließlich des Eurovision Song Contest – „Bestiarium der Perversen, schwule Degenerierte, nach AIDS stinkender Müll[xii]“) ohne jahrelange Desinformation zur Herabwürdigung europäischer und liberaler Werte
keinen Sinn.
Sogar das biblische Motiv des Judas ist ein Verweis auf ein prominentes Desinformationsnarrativ, das behauptet, die Proteste in Belarus seien vom Westen organisiert und finanziert worden und die belarussische Opposition sei eine gut bezahlte westliche „Marionette“. Die biblischen Bezüge verfolgen zudem weitere und heimtückischere Ziele: der Desinformation und Hassrede einen Anschein von Rechtschaffenheit zu verleihen, das brutale Durchgreifen des Regimes gegen die eigenen Bürger als Kampf des Guten gegen das Böse darzustellen und die Handlungen des Regimes um jeden Preis zu rechtfertigen. Denn letztlich ist dies für die Propagandisten des Regimes, die an ihre eigenen Lügen glauben, eine Frage des Überlebens.Laut Azarenok:
„Ich bin sicher, dass, falls es zu einem Staatsstreich kommt […]: sie mich verurteilen und mich vielleicht einfach ohne Prozess sowie ohne Untersuchung töten werden. Und das muss verstanden werden.“
Der Weg zur Radikalisierung
Seit der ersten Welle von Protesten gegen den illegitimen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka haben die belarussischen staatlich kontrollierten Medien, unterstützt von „Medienexperten“ aus Russland, eine zunehmend feindselige Rhetorik gepflegt. Nicht nur haben die belarussischen staatlich kontrollierten TV-Sender ihre Desinformationsnarrative an pro-kremlnahe Medien angeglichen, sie haben auch dieselben Taktiken übernommen, zum Beispiel ausländische Diplomaten zu schikanieren.
Während die pro-kremlnahen Medien weiterhin Ukrainer herabwürdigen, indem sie sie „Banderowiten“ nennen, entwickelten die belarussischen Medien eine ähnliche abwertende Bezeichnung für die Protestierenden und nannten sie „Zmagars“. Laut Azarenok: „Zmagars sind bereits jenseits der Grenzen von Gut und Böse, sie sind der Abscheu der Menschheit, sie sind seelenlose, gesichtslose Kreaturen, schlichtweg Dämonen[xiii]“
Neuere akademische Forschung zeigt, dass Unhöflichkeit, Negativität und Hassrede am ehesten in den Falschinformationen auftreten, die am weitesten von der Realität abweichen.Belarussische staatskontrollierte Medien scheinen die Erkenntnisse zu bestätigen, indem sie Desinformation nutzen, um Dissidenten und Aktivistinnen und Aktivisten zu entmenschlichen und zu diffamieren und damit jegliche und alle Grenzen für das Verhalten des Regimes zu
beseitigen.
*Die meistgesehene Ausgabe nahm die belarussische Sängerin und ehemalige Eurovision-Teilnehmerin Angelica Agurbash ins Visier. Sie wurde auf YouTube über 218.000-mal angesehen. Andere Ausgaben erzielten kumuliert über 52.000 Aufrufe.
[i] Um keinen Traffic zu Inhalten zu lenken, die an Hassrede grenzen, geben wir hiermit die Daten an, an denen bestimmte Aussagen gemacht wurden. Die Videos und Transkripte der TV-Sendung sind online verfügbar: http://www.ctv.by/grigoriy-azarenok-1
[ii] 10. Januar 2021
[iii] 30. Mai 2021
[iv] 30. Mai 2021
[v] 30. Mai 2021
[vi] 25. April 2021
[vii] 18. April 2021
[viii] 28. März 2021
[ix] 14. März 2021
[x] 4. April 2021
[xi] 30. Mai 2021
[xii] 23. Mai 2021
[xiii] 30. Mai 2021