Desinformation und Paranoia
Glauben Russen tatsächlich an die Desinformation, die sie in den staatlichen Fernsehkanälen sehen? Oder nehmen sie sie eher mit einer Prise Salz?
Antworten liefert eine aktuelle Umfrage des staatlich kontrollierten russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM sowie auf Englisch präsentiert von The Moscow Times, und sie sind absolut eindeutig.
66 % der Befragten stimmten der Aussage zu, dass „es eine Gruppe von Menschen gibt, die versucht, die russische Geschichte umzuschreiben und die historischen Fakten zu ersetzen, um Russland zu schaden und seine Größe zu schmälern.“
Wenn es um die Behauptung geht, dass „eine Gruppe von Menschen versucht, die von Russen geformten geistigen Werte durch die Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen zu zerstören“, sagten 63 % der Befragten, dass dies der Fall sei.
Diese Umfrageergebnisse zeigen die langfristigen Auswirkungen einer systematischen und staatlich koordinierten Desinformationskampagne.
Zunahme von Verschwörungstheorien
Verschwörungstheorien haben in den letzten Jahren in den russischen Medien drastisch zugenommen.Dies wurde bereits 2018 von einem anderen Meinungsforschungsinstitut, Medialogia, in einer Umfrage dokumentiert, die für Vedomosti, eine unabhängige Zeitung, durchgeführt wurde.
Die Umfrage zeigte, dass Verweise in russischen Medien auf eine ausgewählte Gruppe populärer Verschwörungstheorien im Durchschnitt sechs- bis neunmal häufiger vorkommen als noch 2011.
Die Vorstellung, Russland sei Ziel eines koordinierten Angriffs eines Netzwerks von Historikern, die angeblich die Geschichte des Landes fälschen und verzerren, war im letzten Quartal 2017 9,3-mal häufiger als im ersten Quartal 2011.
Die Theorie, die die Existenz einer „Schwulenlobby“ behauptet, die angeblich die russische Gesellschaft destabilisieren wolle, tauchte im letzten Quartal 2017 12,9-mal häufiger auf als im ersten Quartal 2011.

Eine weitere aktuelle Umfrage zeigte, dass Verweise in russischen Medien auf eine ausgewählte Gruppe populärer Verschwörungstheorien im Durchschnitt sechs- bis neunmal häufiger vorkommen als noch 2011.
Politische Paranoia
Einige der Verschwörungstheorien, die in russischen Medien populär sind, tragen nur sehr indirekte politische Botschaften.Es ist schwer zu erkennen, wie die Behauptung, die Erde sei flach oder die Welt werde von Reptiloiden kontrolliert, auf andere Weise instrumentalisiert werden kann, als Verwirrung zu stiften, indem Paranoia als solche legitimiert wird.
In anderen Fällen sind die politischen Implikationen in den Verschwörungstheorien offensichtlicher.
Wenn staatlich kontrolliertes Fernsehen wiederholt ein Bild von Aktivistinnen und Aktivisten der russischen Zivilgesellschaft als „ausländische Agenten“ zeichnet, die von westlichen Regierungen gesteuert werden, ist die Botschaft klar: Kritik an der Regierung entsteht nicht spontan, und Mitglieder der Opposition sind nicht vertrauenswürdige Verräter.
Andere populäre Verschwörungstheorien folgen derselben Logik: Demokratischer Wandel in Russlands Nachbarländern kann nicht das Ergebnis einer Forderung der Bevölkerung sein; es muss einen Drahtzieher geben, zum Beispiel George Soros, der im Geheimen die Fäden zieht.
Verschwörungstheorien werden auch zu defensiven Zwecken genutzt. Als Russland im Zentrum von Dopingskandalen im internationalen Sport stand, haben russische Medien die Idee verbreitet, das Land sei das Opfer einer „angelsächsischen Sportmafia“.
In einigen Fällen werden alte und weltweit bekannte Verschwörungstheorien in Russland für politische Zwecke neu gerahmt.Dies war zum Beispiel der Fall bei der Rothschild-Verschwörungstheorie.

Dieses Bild wurde in einer russischen staatlichen TV-Hauptnachrichtensendung zur besten Sendezeit gezeigt, um die Behauptung zu veranschaulichen, dass die Verschwörung der Familie Rothschild Emmanuel Macron unterstützt.
Junge Menschen glauben seltener an Verschwörungen
Die Umfrage zeigte, dass jüngere Befragte seltener an die beiden Verschwörungen glaubten.
48 % in der Altersgruppe 18–24 unterstützten die Vorstellung einer Verschwörung, Russlands historische Größe zu schmälern, während die Behauptung bei der Altersgruppe 60 und älter 72 % Zustimmung fand.
44 % in der Altersgruppe 18–24 unterstützten die Vorstellung einer Verschwörung, Russlands geistige Werte durch die Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen zu zerstören, während diese Behauptung von 67 % der 60-Jährigen oder Älteren bestätigt wurde.
Die Umfrage wurde am 29.–30. Mai 2018 durchgeführt. VTsIOM befragte 2.000 Personen über Mobil- und Festnetztelefonverbindungen.
Weiterführende Lektüre:
Alle gegen Russland: Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch in russischen Medien