Die schreckliche Russophobie
Der Sicherheitszar des Kremls über die Wurzeln westlicher Aggression
Ein wiederkehrendes Narrativ, das in der EUvsDisinfo-Datenbank zur Desinformation mehrere hundert Mal dokumentiert ist, lautet „Russophobie“. Das Wort impliziert, dass jede Kritik an Handlungen, die von russischen Staatsakteuren durchgeführt werden, im Grunde irrational ist; eine Art geistige Störung.
Die Datenbank bietet eine Fülle anschaulicher Beispiele. Der russische Staatssender Vesti FM suggeriert, Russland sei die Juden unserer Zeit – „eine verfolgte Nation“. Der kreml-eigene RT behauptet, gut dokumentierte Fälle von Cyberangriffen, die von russischen Staatsakteuren durchgeführt wurden, seien lediglich „Russophobie“. Die nationalistische Zhurnalistskaya Pravda schreibt, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel habe bei einer öffentlichen Veranstaltung einen Anfall von Russophobie erlitten. Dieses letzte Beispiel demonstriert klar die Vorstellung von Kritik an Russland als einer psychischen Verfassung.
Nikolai Patruschew ist außerhalb Russlands wahrscheinlich kein bekannter Name, aber in Russland ist er einer der mächtigsten Männer. Patruschew ist Sekretär des Sicherheitsrates Russlands – eines kleinen, nicht gewählten inneren Kabinetts, das den Präsidenten in Fragen der nationalen Sicherheit berät.Formell wird der Rat vom Präsidenten geleitet, doch Patruschews Rolle besteht darin, das Tagesgeschäft dieses mächtigen Gremiums zu führen.
Farbrevolutionen
Patruschew hat den Westen häufig beschuldigt, zu versuchen, „Farbrevolutionen“ in Russland zu inszenieren. Alexej Nawalny ist laut Herrn Patruschew ein westliches Projekt, um Russland zu destabilisieren. In einem aktuellen ausführlichen Interview mit der russischen Wochenzeitschrift AiF-Magazin skizziert er die Erklärung für die westliche Feindseligkeit gegenüber Russland: Russophobie.
Westliche Russophobie ist nicht erst gestern entstanden; sie hat eine sehr lange Geschichte. Vor mehreren hundert Jahren gab es Versuche, unser Land zu diskreditieren. Nehmen wir Iwan IV. – der im Westen aus irgendeinem Grund „der Schreckliche“ genannt wird. Westliche Chroniken begannen bereits zu seinen Lebzeiten, die düstere Legende über ihn als furchterregenden Tyrannen zu verbreiten. Sie wollten die Aufmerksamkeit der Europäer von dem ablenken, was in ihren Ländern vor sich ging. Ihnen gefiel nicht, dass der russische Zar sich ihren Ansprüchen auf politische und moralische Führungsrolle nicht beugte.
Um ehrlich zu sein, gingen westliche Chroniken in der Mitte des 16. Jahrhunderts nicht wirklich ins Detail, was politische Prozesse in der Moskauer Rus betrifft. Iwan der Schreckliche war der Herrscher eines noch recht neu etablierten Landes; eines von mehreren Staaten mit Wurzeln in der mittelalterlichen Kyjiwer Rus.”””Iwan eroberte die benachbarten Staaten und machte sein Land damit zu einer europäischen Macht mit kolonialen Ambitionen. Russische Quellen, Chroniken aus Pskow und Nowgorod, beschreiben Iwans Gräueltaten detailliert. Die einzigen westlichen Mächte, die sich um Moskowien kümmerten, waren Polen und Schweden. Und möglicherweise England: Iwan machte der englischen Königin Elisabeth einen Heiratsantrag. Erfolglos. Der enttäuschte Herrscher Moskowiens antwortet:
Wir hofften, dass Ihr die Herrscherin Eures Königreichs seid und dass Ihr die Ehre und den Nutzen Eures Staates regiert und wahrnehmt. Deshalb sind wir diese Verhandlungen mit Euch eingegangen. Aber es scheint, dass andere Leute, Kaufleute, und nicht Ihr, herrschen. Menschen, denen weder unsere gekrönten Häupter noch der Nutzen des Landes am Herzen liegt, sondern nur der Gewinn ihres Handels. Offenbar seid Ihr mit Eurem weiblichen Wissen lediglich eine gewöhnliche Frau.
Angelsachsen
Die Folgen davon, dass der Zar von Moskowien von der Königin von England einen Korb bekam, sind bis heute ein Schlüsselelement der Außenpolitik des Kremls. Bis heute hegt der Kreml einen Groll gegen die „Angelsachsen“ als die schlimmsten und gerissensten Feinde Russlands. Iwan könnte der erste dokumentierte Fall von kremlischer Anglophobie sein.
Aber Herr Patruschew hat recht: Iwan der Schreckliche ist ein trauriges Opfer böswilliger Fehlübersetzung.Das Epitheton „Grozny“ wurde vom russischen Historiker Wassili Tatischtschew in seiner Geschichte Russlands (1768) eingeführt. Das russische Wort грозный, „grozny“, bedeutet nicht wirklich „schrecklich“, sondern eher „jemand, der Ehrfurcht hervorruft“. Vielleicht wäre Königin Elisabeth eher geneigt gewesen, auf Zar Ivans Vorschlag einzugehen, hätte er den Brief mit „Ivan der Großartige“ unterzeichnet.
