Ehrlich über das Lügen
Ist der russische staatliche Sender Russia Today (RT) ein Erfolg? Hat sich die massive Investition des Kreml, die sich inzwischen auf 270 Millionen Euro jährlich beläuft, in die Verbreitung seiner Sichtweisen über RT ausgezahlt?
Kürzlich rief The Economist dazu auf, RTs Einfluss nicht zu überschätzen: „RT hat einen cleveren Umgang mit Zahlen“, schrieb die Wochenzeitung. „Sein ‚Publikum‘ von 550 Mio. bezieht sich auf die Zahl der Menschen, die Zugriff auf den Kanal haben, nicht auf diejenigen, die ihn tatsächlich anschauen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2015 unter den 94 wichtigsten Kabelsendern in Amerika ergab, dass RT es nicht einmal in die Rangliste schaffte. In Großbritannien erreichte er im vergangenen Monat nur 0,04 % der Zuschauer.“ Laut RT selbst ist das Glas eher halb voll. Wenn man Schlüsselwörter wie „RT, Russia Today, audience, ratings“ googelt, sind die obersten Suchergebnisse RTs eigene Antworten auf diese Frage: „RT wird wöchentlich von 70 Mio. Zuschauern gesehen, die Hälfte davon täglich – Ipsos-Umfrage“, so lautet RTs eigene Schlagzeile.
Diese Woche bot das unabhängige Online-Medium Coda Story eine qualitative Analyse von RTs Erfolg an, die die Diskussionen über die Messung von RTs Wirkung in Zahlen ergänzt. Codas Recherche sammelte Reaktionen aus RTs aktivem Publikum, indem sie diese interviewte und fragte, warum sie es schätzen, den Sender zu sehen. Coda teilte die Aussagen aus RTs Publikum in vier „Trends“ ein: Die erste Gruppe steht unter der Überschrift „RT ist ehrlich darüber, zu lügen“.Coda stellte fest, dass „nur wenige behaupteten, RT sei objektiv oder würde die Wahrheit senden“. Ein Interviewter sagte, er „glaube, dass RT per Definition voreingenommen ist“, finde „diese Ehrlichkeit aber erfrischend“.
Andere Gesprächspartner in der Zielgruppe verwiesen auf stark skeptische Ansichten gegenüber den USA. „RT leistet gute Arbeit dabei, das wahre Gesicht der US-Außenpolitik zu zeigen“, behauptete ein Interviewter. Eine weitere Quelle für RTs Popularität war die Unzufriedenheit mit „westlichen Medien, die Präsident Putin dämonisieren“: „Putin ist kein Monster, wie unser Land ihn darstellt“, sagte einer. Schließlich fand Coda unter RTs Publikum eine signifikante Korrelation mit „Angst vor dem unmittelbar bevorstehenden Ausbruch des Dritten Weltkriegs“.
Die naheliegende Frage ist, ob RTs Publikum zum Sender kommt, weil er ihre Narrative bestätigt, oder ob die Meinungen des Publikums durch RT geprägt wurden. Auffällig ist RTs Fähigkeit, Zielgruppen anzusprechen, deren Ansichten eher negativ als positiv definiert sind: Menschen, die gegenüber den „Mainstream-Medien“ skeptisch sind, traditionell skeptisch gegenüber den USA sind, sowie Menschen, die skeptisch sind und die Folgen der Meinungsverschiedenheiten des Westens mit Russland fürchten. Diese Gruppen finden bei RT eine Plattform, auf der ihre Sorgen nicht hinterfragt, sondern vielmehr genährt und als unproblematisch dargestellt werden.
Lesen Sie den vollständigen Artikel von Coda Story. (Bild: Coda Story)