Flug MH17: Warum kann der Kreml nicht die Wahrheit sagen?
„Neue Beweise belegen die Unschuld des Kremls am Abschuss von MH17!“ Diese sensationelle Botschaft wurde seit dem Tag der Tötung von 298 Zivilisten, darunter 80 Kinder, an Bord des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 über dem von Rebellen kontrollierten Osten der Ukraine am 17. Juli 2014 in unterschiedlichen Formen von pro-kremlnahen Medien und russischen Behörden verbreitet. Im Verlauf des vergangenen Monats wurden der bereits langen Liste pro-kremlnaher Versuche, die Wahrheit über die Tragödie zu verdrehen, zwei weitere falsche Behauptungen hinzugefügt.
Unglaubwürdige Zeugen und manipulierte Bilder
Die beiden neuen Unwahrheiten wurden von dem offiziellen Medium der russischen Streitkräfte, TV Zvezda, am 7. Dezember sowie vom russischen Staatssender Rossiya-1 am 29. Dezember ausgestrahlt. Beide Behauptungen wurden rasch von den Journalisten von The Insider, einem unabhängigen russischen Medium, und vom Open-Source-Ermittlungsnetzwerk Bellingcat widerlegt.
Im Fall von TV Zvezda macht The Insider deutlich, dass keinerlei Belege vorgelegt werden, die beweisen, dass ein Interviewpartner, der behauptet, ein übergelaufener ukrainischer Offizier zu sein, tatsächlich der ist, für den er sich ausgibt. Zudem wurden die Aussagen des Interviewpartners über die Handlungen der ukrainischen Regierungstruppen durch materielle Beweise in Open-Source-Untersuchungen bereits im Juli 2015 von Bellingcat als falsch nachgewiesen.Zvezdas unbelegte Behauptungen wurden auch vom staatlich kontrollierten Fernsehsender Pervy Kanal weiterverbreitet.
Bei der Untersuchung der Geschichte, die später im Monat im russischen Staatsfernsehen Rossiya-1 erschien, zeigt The Insider, wie Satellitenbilder, die in der Rossiya-1-Sendung als Beweis verwendet wurden (siehe obigen Screenshot aus dem Bericht von Rossiya-1), in Wirklichkeit der Aussage einer interviewten Person in eben derselben Sendung widersprechen; die betreffende Person behauptet, ein bislang unbekannter Augenzeuge ukrainischer Truppenbewegungen im Donbas in den Tagen um die Tragödie herum zu sein. Darüber hinaus widersprechen die Behauptungen des angeblichen Augenzeugen vollständig den Ergebnissen von Bellingcats oben erwähnter Open-Source-Untersuchung.
Ähnliche Schlussfolgerungen zu Unstimmigkeiten, einschließlich der Verwendung manipulierter Bilder, finden sich in Bellingcats jüngstem Update seiner laufenden Open-Source-Untersuchung, Die wechselnden, sich selbst widersprechenden Narrative des Kremls zu MH17, das am 5. Januar 2018 veröffentlicht wurde.
Es ist erwähnenswert, dass in beiden Fällen die durch die Nachrichtenbeiträge vermittelten Argumente von der Glaubwürdigkeit einer einzelnen Person abhängen, deren Identität nicht einmal bestätigt werden kann.Das russische Staatsfernsehen hat zuvor Schauspieler eingesetzt, um Behauptungen aufzustellen, die die ukrainische Seite im Donbas der Kriegsverbrechen bezichtigen.
Warum jetzt? Und warum nicht die Wahrheit sagen?
Welcher hochrangige russische Offizier tatsächlich der verantwortliche Kommandeur hinter der BUK war, die die MH17-Tragödie verursachte, wurde dank eines weiteren Teils der Ermittlungen von Bellingcat und The Insider, deren Ergebnisse im vergangenen Monat veröffentlicht wurden, zunehmend deutlich. Der Zeitpunkt der Sendungen von Zvezda und Rossiya-1 deutet auf Besorgnis auf pro-kremlischer Seite über die Veröffentlichung von Bellingcat und The Insider hin.

Bellingcats Open-Source-Untersuchung behauptet, dass dieser russische Generaloberst die Schlüsselfigur beim Abschuss des Malaysia-Airways-Flugs MH17 ist.
Die pro-kremlische Desinformationskampagne ist weiterhin bestrebt, Nebelkerzen zu fabrizieren, um von der schmerzhaften Wahrheit abzulenken, die bereits vom Joint Investigation Team untersucht und bestätigt wurde – nämlich, dass eine BUK-Rakete, die aus russischem Staatsgebiet in die Ukraine transportiert worden war, die unschuldigen Passagiere an Bord des Flugs der Malaysian Airlines tötete.Offensichtlich besteht die Hoffnung darin, dass ein kontinuierlicher Strom von Desinformation Verwirrung stiftet und Zeit gewinnt; alle pro-kremlischen Behauptungen haben sich als inkonsistent erwiesen und sich im Laufe der Zeit sogar gegenseitig widersprochen, wie Bellingcat in seiner detaillierten Darstellung ebenfalls zeigt. Aber warum kann der Kreml nicht einfach die Wahrheit sagen?
„Gegennarrative, die darauf ausgelegt sind, Verwirrung zu stiften“
In einer prägnanten Studie mit dem Titel „Russische hybride Kriegsführung: Eine Studie der Desinformation“ vergleicht Flemming Splidsboel Hansen vom Dänischen Institut für Internationale Studien die vom Kreml im Fall MH17 angewandte Kommunikationsstrategie mit der Art und Weise, wie die sowjetische Regierung 1983 mit dem Abschuss eines anderen zivilen Passagierflugzeugs, Korean-Airlines-Flug 007, umging. In seiner Analyse besteht der Kern des Problems darin, dass Russlands derzeitigen Machthabern eine grundlegende Fähigkeit fehlt, Fehler einzugestehen. Hansen schreibt: „Während die Sowjetunion zunächst jede Beteiligung an dem [1983er] Vorfall bestritt, änderte das Regime bald den Kurs und ließ Nachrichtenberichte in den staatlich kontrollierten Medien zu, um der sowjetischen Öffentlichkeit zu erklären, dass ihre militärischen Befehlshaber tatsächlich den Befehl gegeben hatten, ein ziviles Passagierflugzeug abzuschießen.Das derzeitige russische Regime ist offensichtlich nicht in der Lage, einen ähnlichen Schritt in Bezug auf die BUK-Rakete zu vollziehen, die MH-17 getroffen hat, und die russischen Medien ließen es nicht nur damit durchkommen, sondern verbreiteten sogar die Gegennarrative, die darauf abzielten, Verwirrung im postmodernen und perspektivistischen Nachrichtenraum zu stiften“. Mit anderen Worten: Desinformation hat in der derzeitigen Kommunikationsstrategie des Kremls die totale Dominanz erlangt, während selbst die sowjetischen Behörden in der Lage waren, einen langfristigen Grund dafür zu erkennen, nicht systematisch zu lügen. Offenbar tut der Kreml mit seiner Desinformation inzwischen nichts anderes, als Zeit zu kaufen, bevor die Strafprozesse in den Niederlanden eröffnet werden.
Weiterführende Lektüre zu Flug MH17:
Die sich wandelnden, sich selbst widersprechenden Narrative des Kremls zu MH17 (von Bellingcat)
Zeit für die neunte MH17-Desinformationsrunde
Flug MH17 drei Jahre danach: die Wahrheit aus der Ostukraine ans Licht bringen