Geschichtenerzählen mit Desinformation. Teil 5.
Die hilflosen Menschen
Es war einmal, in einem Königreich weit, weit entfernt, da hielt ein Drache die gesamte Bevölkerung als Geisel und vergiftete sie mit seinem toxischen Atem. Die Menschen des Königreichs vergaßen alles, was wichtig war: Werte, Anstand, Erinnerungen an die Vergangenheit. Der Drache brachte die Menschen dazu zu glauben, sie seien glücklich. Ein tapferer Prinz erlag dem Drachen nicht; sein Volk war immun gegen die giftigen Ausdünstungen des Drachen. Und während der Drache und seine Schergen wiederholt versuchten, den Prinzen zu besiegen, gelang es ihm, sich zu verteidigen und den Angriff anzuführen, um die Menschen des Königreichs weit, weit entfernt zu befreien.
Desinformation ist eine Form des Geschichtenerzählens. Die Herausforderung für einen Lügner besteht darin, die Lüge attraktiv und plausibel zu machen, sie so zu gestalten, dass sie das beabsichtigte Publikum anspricht. Wir können feststellen, dass sich der Großteil der pro-kremlischen Desinformation auf eine kleine Anzahl von Narrativen reduzieren lässt, Handlungsstränge mit einer starken Ähnlichkeit zu dem obigen Märchen.
Letzte Woche haben wir den Bösewicht der Geschichte kennengelernt; diese Woche begegnen wir dem hilflosen Opfer, der Jungfrau in Nöten im pro-kremlischen Märchen. Das Volk.
Die passiven Menschen
In der Weltanschauung des Kremls sind die Menschen eine passive Masse, die Führung benötigt.Äußerungen des breiten Volksunmuts sind niemals echt; sie werden immer von äußeren Kräften, die auf Zerstörung aus sind, provoziert, inszeniert und gesteuert. Euromaidan in der Ukraine, die Proteste in Venezuela und in Hong Kong oder sogar die Black Lives Matter-Proteste in den Vereinigten Staaten – all das sind nichts als Manifestationen zerstörerischer Technologien:
Es überrascht nicht, dass Trump für den Tod von Floyd verantwortlich gemacht wird, obwohl Minneapolis und Minnesota von Demokraten regiert werden. Er wurde von den Demokraten auch für das Coronavirus verantwortlich gemacht – denselben Leuten, die jahrelang darauf bestanden, dass Russiagate real sei. Jetzt geben sie Trump die Schuld dafür, dass er auf die Unruhen (was sie „friedliche Proteste“ nennen) reagiert, indem er die Armee schickt. Farbrevolutionen folgen einem Drehbuch: einen legitimen Anlass finden, die Polizei und das Militär auffordern, sich den Protesten anzuschließen, und wenn sie das nicht tun, die Unruhen verstärken, um eine gewaltsame Reaktion zu provozieren, die Märtyrer schafft. Alles Nützliche muss von Kameras eingefangen werden, und jede Unannehmlichkeit aus dem Gedächtnis entfernt. Das Ziel ist nicht Reform, Gleichberechtigung oder Gerechtigkeit, sondern ein Regimewechsel.
Individuelle Rechte sind ein Grundpfeiler der Demokratie. Wir treffen unsere eigenen Entscheidungen auf der Grundlage unserer persönlichen Überzeugungen. Die Sicht des Kremls auf Demokratie ist grundsätzlich anders.Russlands Präsident Wladimir Putin äußerte in einem Artikel seine Vorstellung von Demokratie:
Wir müssen einen Mechanismus für ein politisches System so aufbauen, dass es die Interessen der großen gesellschaftlichen Gruppen übernehmen und widerspiegeln kann und einen öffentlichen Konsens über diese Interessen sichert.
Nach dieser Auffassung sollte das Parteiensystem die Interessen gesellschaftlicher Gruppen widerspiegeln, nicht die von Einzelpersonen. Es sollte, der Logik des Kreml zufolge, eine Partei der Reichen und eine Partei der Armen geben. Vielleicht eine Bauernpartei und eine Partei der Universitätsprofessoren. Politische Ansichten seien angeblich mit unseren gesellschaftlichen Kategorien verbunden, nicht mit individuellen Überzeugungen.
Das Volk verstehen
Einer der Architekten des gegenwärtigen russischen politischen Systems, Wladislaw Surkow, ein früherer enger Mitarbeiter des Präsidenten, definierte weiter die passive Rolle und die unterwürfige Denkweise des russischen Volkes. Russland hat nach Surkow keinen Deep State, aber es hat ein Deep People, eine mysteriöse empfindungsfähige Masse, gewöhnlich für die Herrschenden unverständlich, mit einer wichtigen Ausnahme:
Die Fähigkeit, das Volk zu hören und zu verstehen, es bis auf seinen tiefsten Grund zu durchschauen und entsprechend zu handeln – das ist das einzigartige und dominierende Merkmal von Putins Staat.Seine Macht ist für die Menschen akzeptabel und verständlich und unterliegt daher nicht dem destruktiven Druck der widersprüchlichen Tendenzen der Geschichte. Daher ist sie effizient und langlebig.
Übersetzung in Märchensprache: „Und so lebten sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage“.
Der Kreml hält die russischen Medien unter strenger Kontrolle und kann so das Publikum manipulieren. Der berüchtigte russische Staatssender, der sich an ein Publikum im Ausland richtet, verwendet den Slogan „mehr hinterfragen“. Ein Privileg, das dem russischen Publikum nicht gewährt wird.
Nächste Woche: Der heroische Held:
