Selbst die Stärksten sind in Gefahr
Oft scheint es, dass die Ukraine eines der am besten vorbereiteten Länder ist, wenn es um feindliche Informationsbeeinflussung geht. Die einzigartige Erfahrung eines Landes, das in den letzten drei Jahren ununterbrochen Informationsangriffen ausgesetzt war, bedeutet, dass die überwiegende Mehrheit der Amtsträger und Journalisten in der Ukraine von Natur aus vorsichtig mit Informationen aus pro-kremlischen Medien umgeht. Anders als in den meisten Teilen des euroatlantischen Raums wissen die Menschen in der Ukraine sehr gut, dass die Aufgabe pro-kremlischer Quellen nicht darin besteht zu informieren, sondern ihr Publikum in die Irre zu führen, zu manipulieren und zu verängstigen.
Die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten Meinungsumfrage der ukrainischen NGO Detektor Media scheinen zu bestätigen, dass dies in der breiten Öffentlichkeit in hohem Maße der Fall ist. Wenn es um Nachrichten über militärische Ereignisse in der Donbas-Region geht, genießen ukrainische Quellen das größte Vertrauen, während das Vertrauen in russische TV-Sender nahezu bei null liegt – nur 1,3 % der Befragten halten deren Informationen für vertrauenswürdig. In der Ostukraine, die von der pro-kremlischen Desinformationskampagne als ein Ort dargestellt wird, an dem ethnische Russen sich gegen ein „Nazi“-Regime in Kyjiw verteidigen, ist das Vertrauen in russische Quellen sogar noch geringer – nicht mehr als 0,8 % der Befragten halten sie für vertrauenswürdig.
Doch dieselbe Umfrage zeigt uns auch, dass eine gut finanzierte und beharrliche Desinformationskampagne selbst in einer so widerstandsfähigen Gesellschaft Ergebnisse erzielen kann.So wie der echte Krieg im Donbas noch lange nicht vorbei ist, wird auch der Kampf um Herzen und Köpfe weiterhin in der Ukraine geführt. Einige der Propagandabotschaften, die ausschließlich von pro-kremlnahen Kanälen und Trollen vervielfältigt werden, haben eine überraschend starke Wirkung auf die ukrainische öffentliche Meinung. Zum Beispiel:
- 34,3% der Befragten stimmen der Aussage zu, die Euromaidan-Ereignisse seien „ein illegaler militärischer Staatsstreich“ gewesen. Rund 48% der Befragten widersprechen dieser Behauptung.
- 65,5% der Befragten glauben, dass „der Krieg weitergeht, weil er für die ukrainische Regierung und Oligarchen profitabel ist“ – eine Aussage, für die unseres Wissens nach bislang keinerlei glaubwürdige Belege vorgelegt wurden.
- 38,8% der Befragten glauben, dass die Kyjiwer Regierung den Waffenstillstand und den Minsker Prozess absichtlich bricht, im Gegensatz zu 66,4% der Menschen, die glauben, dass Russland und seine Stellvertreter dies tun.
Detektor Media kommt zu dem Schluss, dass russische Propaganda das Publikum dazu bringt, Ereignisse auf widersprüchliche Weise zu bewerten: Fast die Hälfte der Befragten glaubt zugleich, dass der Krieg wegen der ukrainischen Regierung und wegen Russlands weitergeht. Fast ein Viertel der Befragten glaubt, dass sowohl Kyjiw als auch Moskau für das Scheitern des Minsker Prozesses verantwortlich sind.Und fast ein Zehntel der Menschen glaubt gleichzeitig, dass die Maidan-Ereignisse sowohl einen Militärputsch als auch einen Volksaufstand darstellen.
Wie wir bereits zuvor gesagt haben, besteht das Ziel pro-kremlischer Desinformation selten darin, uns davon zu überzeugen, dass wir den russischen Behörden zustimmen sollten. Vielmehr zielt sie darauf ab, uns zu verwirren, unsere Institutionen infrage zu stellen und Demokratien zu untergraben.
Lesen Sie die gesamten Umfrageergebnisse von Detektor Media.
