Sogar in der EU möglich: Öffentliche Verleumdungskampagne und Hackerangriffe auf Faktograf.hr in Kroatien
Im Januar wurde Faktrograf.hr, ein in Kroatien ansässiges Portal zur Faktenprüfung, zum Ziel einer Verleumdungskampagne, auf die eine Reihe von Hacking-Angriffen folgte. Seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie Anfang 2020 hat das Personal der Faktograf-Redaktion mehr als 40 Drohungen bei der Polizei gemeldet – zumeist Gewaltandrohungen sowie mehrere Morddrohungen.
Doch da die Pandemie kein Ende nahm, wurde es immer schlimmer: Beim jüngsten Cyberangriff Mitte Dezember 2021 wurden auf der Faktograf-Website in weniger als drei Tagen über 100 Millionen Anmeldeversuche registriert. Dieser DDoS-Angriff (Distributed Denial of Service) wurde von hauptsächlich in Russland, China, Indonesien, Brasilien und den USA stationierten Servern ausgeführt. Das Personal von Faktograf hat darüber so viele Daten wie möglich gesammelt – und Lehren aus dem Angriff gezogen. Man wendete sich an die zuständigen Behörden, um die erforderlichen rechtlichen Schritte einzuleiten.
„Wir haben versucht, so viele Informationen wie möglich über den Angriff zu sammeln und zugleich unsere Website zu schützen. Alle erfassten Informationen wurden an die Polizei weitergeleitet, doch uns wurde noch immer nichts Neues über den Angriff berichtet“, erklärt Ana Brakus, Geschäftsführerin von Faktograf, gegenüber EUvsDisinfo.
Riskantes Geschäft: Kampf gegen Falschinformationen zu COVID-19
Faktograf ist ein Partner im Drittpartei-Faktenprüfungsprogramm von Meta und prüft Inhalte im wichtigsten sozialen Netzwerk des Unternehmens – Facebook. Diese Aufgabe brachte Fakten prüfende Journalisten insbesondere seit dem Ausbruch der Pandemie in große Gefahr, denn sie erhielten Morddrohungen und mussten Beleidigungen über sich ergehen lassen.
Die Bedrohungen dauern leider an. Ana Brakus berichtet, dass Petar Vidov, der Chefredakteur von Faktograf, vor kurzem eine sehr beunruhigende SMS auf seinem Handy empfangen hat:
„Ich persönlich werde dich zusammenschlagen und dir die Finger von beiden Händen abschneiden, f*** deine Mutter […].“
Die Polizei wurde selbstverständlich benachrichtigt, sagt Ana Brakus. „Diese gewalttätige Bedrohung hängt ohne Zweifel mit unserer Arbeit im Journalismus zusammen. Der Druck, unter dem wir ständig stehen, ist unbeschreiblich. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir ein so großartiges Redaktionsteam haben, das zusammenhält und sich gegenseitig unterstützt.“
Faktograf begann bereits im Februar 2020, Informationen und Berichte über COVID-19 auf Fakten zu überprüfen. Seitdem hat das Portal über 600 Artikel veröffentlicht, die dazu beigetragen haben, Falschinformationen über die Pandemie in Kroatien und auf dem gesamten westlichen Balkan zu widerlegen. Zu den auf Fakten geprüften Themen gehörten angebliche Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch die Impfung und die Verursachung „zahlreicher“ Todesfälle im Ausland durch den Impfstoff sowie die Entkräftung der Aussagen einiger der bekanntesten kroatischen Angehörigen der Impfgegnerschaft.
Faktograf hat zudem einen praktischen Ansatz gewählt und 400 spontane Fragen und Anfragen seiner Leserschaft zu COVID-19 direkt beantwortet und dazu beigetragen, ein größeres regionales Netzwerk zur Faktenprüfung zu schaffen: SEE Check. SEE Check wurde auf dem Höhepunkt der globalen Gesundheitskrise gegründet und umfasst sechs Organisationen zur Faktenprüfung aus fünf Ländern in Südosteuropa. Dabei handelt es sich um drei Länder des westlichen Balkans (Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Serbien) und zwei EU-Mitgliedstaaten (Kroatien und Slowenien), die sich gemeinsam für die Förderung der Rechenschaftspflicht der Medien, die Verbesserung der Medienkompetenz und die Bekämpfung von Falschinformationen und Desinformation in den Medien einsetzen.

Cyberangriffe, missbräuchliche Gerichtsverfahren und europäische Unterstützung
Zwar sind Schikanen und Drohungen gegen im Journalismus Tätige in der Region leider nichts Neues, dennoch waren die Zahl und das Ausmaß der Cyberangriffe, denen die Website von Faktograf Mitte Dezember 2021 ausgesetzt war, beispiellos.
Die öffentliche Verleumdungskampagne gegen Faktograf erreichte ein neues Hoch, als ein öffentlich bekannter lokaler Unternehmer – eine prominente Figur in der Impfgegner- und Anti-COVID-Bewegung – in mehreren sozialen Medien eine Finanzierungskampagne für Verleumdungsklagen gegen das Portal veröffentlichte. Auf diese Veröffentlichung folgte sofort eine neue Welle von Beleidigungen und Morddrohungen in den sozialen Medien.
„Die Androhung von Gerichtsverfahren ist zu einem gängigen Mittel geworden, um den Journalismus zum Schweigen zu bringen. Wir sind nicht unfehlbar, und wir entschuldigen und korrigieren uns, wenn wir uns irren – was manchmal vorkommt. Aber wir scheuen uns auch nicht davor, unsere Arbeit zu verteidigen, wenn es nötig ist – auch vor Gericht“, erklärt die Geschäftsführerin von Faktograf.
Der Rückgriff auf langwierige und teure Gerichtsverfahren ist nicht neu: Diese Klagen werden in der Regel von Personen angestrengt, die zur Verbreitung von Falschinformationen beitragen oder schlichtweg Desinformation verbreiten. Sie sind besser bekannt als missbräuchliche Gerichtsverfahren gegen Journalisten und Menschenrechtsverteidiger (SLAPP-Klagen) und verfolgen den alleinigen Zweck, unabhängige oder gegnerische Medienunternehmen finanziell auszulaugen und zum Schweigen zu bringen.
Trotz dieser erschwerenden Umstände erhielt das Faktograf-Team Ermutigung und unerschütterliche Unterstützung von seiner Leserschaft, allen Mitgliedern der SEE-Check-Plattform sowie von regionalen und globalen Partnern im Bereich Faktenprüfung und Journalistenverbänden wie der Europäischen Journalisten-Föderation (EJF), dem lokalen kroatischen Journalistenverband (HND) und der Journalistenvereinigung Kroatiens (SNH).
Tijana Cvjetićanin, eine der führenden Faktenprüferinnen in der Region, Mitbegründerin der SEE-Check-Plattform und Mitglied des Beirats des International Fact Checking Network (IFCN), die in Bosnien und Herzegowina tätig ist, sagte, dass die COVID-19-Pandemie neben all den tragischen Folgen „leider auch vielen die Möglichkeit gegeben hat, gefährliche Desinformation zu verbreiten, Angst und Unsicherheit zu ihrem persönlichen Vorteil auszunutzen und dabei die Grundlagen unserer gemeinsamen Realität zu untergraben“.
„Unter diesen Umständen sind diejenigen, deren Arbeit auf der Feststellung von Fakten beruht – Forschende, im Journalismus Tätige, Faktenprüfende – leider Ziel verschiedener Angriffe der radikalisierten Anhängerschaft von Verschwörungstheorien geworden. Solidarität ist daher in diesen Zeiten, in denen wir alle wegen unserer Arbeit zunehmende Feindseligkeit und Aggression spüren, unglaublich wichtig“, so Tijana Cvjetićanin.