Strichlisten aus der Gruft
Prüfe niemals, ob eine gute Geschichte zum Kreml passt
Das russische Staatsfernsehen klotzte ordentlich und sendete die Vorwürfe über US-Wahlbetrug. Die Zahlen waren beeindruckend: 1,8 Millionen „tote Seelen“ hätten an der US-Präsidentschaftswahl teilgenommen! Das entspricht einer Bevölkerung, die größer ist als vier EU-Mitgliedstaaten. Das entspricht der Einwohnerzahl von der drittgrößten Stadt in Russland. Eine Zombie-Stadt von der Größe Hamburgs oder Warschaus. Die Behauptung wurde in allen größten kremlkontrollierten russischen Medien veröffentlicht: die Tageszeitung Izvestia, Russlands größter Web-Nachrichtendienst Lenta.ru und das nationalistische Rossaprimavera.ru, um nur einige zu nennen.
Und ehrlich gesagt kann keine Redaktion der Welt einen Bericht ignorieren, der vorgibt, Daten zu einem derart massiven Wahlbetrug zu haben. Alle oben genannten Seiten beziehen sich auf dieselbe Quelle: den US-Thinktank Judicial Watch. Dort tauchte die Behauptung erstmals auf:
Judicial Watch gab heute bekannt, dass eine Studie vom September 2020 ergeben habe, dass 353 US-Countys 1,8 Millionen mehr registrierte Wähler als wahlberechtigte Bürger im wahlfähigen Alter hätten.
Im Gegensatz zu den Kreml-Kanälen behauptet Judicial Watch nicht, dass 1,8 Millionen Tote bei der Wahl abgestimmt hätten.Die Studie stellte eine Diskrepanz fest, die darauf zurückzuführen ist, dass es den Bundesstaaten nicht gelungen ist, nicht wahlberechtigte Wähler aus ihren Wählerverzeichnissen zu entfernen vor der Wahl; im September 2020, bevor die Registrierung für die diesjährige Wahl geschlossen wurde.
Quellen prüfen
Und die Zahl – 1,8 Millionen – scheint im Wahlkontext eine gewisse magische Funktion zu haben. Die britische Zeitung The Independent hat getan, was professionelle Journalisten tun: Sie prüften die Quellen und stellten eine gewisse Wiederkehr in den Zahlen fest. Genau dieselbe Zahl tauchte 2012 und 2016 auf – und jetzt. Ungefähr 8.000 US-Bewohner sterben jeden Tag. Acht Jahre sind rund 3.000 Tage. Somit sind seit 2012, plus/minus, 2,4 Millionen US-Bewohner gestorben, zusätzlich zu den 1,8 Millionen verstorbenen Wählern aus dem Jahr 2012. Trotzdem ist die Zahl der 1,8 Millionen toten Wähler unverändert geblieben. Man gewinnt den Eindruck, dass das US-Wahlsystem nicht alle toten Wähler gleich behandelt…
Die Kreml-Medien haben nie versucht, die Zahlen oder Details des Berichts des US-Thinktanks durchzugehen, und entschieden sich, eine gute Geschichte nicht dadurch zu verderben, dass sie Quellen prüfen, Zahlen vergleichen, Daten studieren.Anders als im professionellen Journalismus, wo solche Aussagen infrage gestellt, geprüft und hinterfragt werden, sendet das russische Staatsfernsehen schlicht unkritisch jede Aussage, die in die Kreml-Mediendramaturgie passt, der zufolge „Demokratie lediglich eine Schlacht der Bastarde ist“.
Mächtige Verbündete
In dieser Schlacht der Bastarde ist es wichtig, mächtige Verbündete zu haben. Aleksandr Ageev, Generaldirektor des russischen Instituts für Wirtschaftsstrategien und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften (ja, Wissenschaften!), schlug 2016 vor, den 27 Millionen toten sowjetischen Bürgern das Wahlrecht zu gewähren
In seinen Überlegungen zur Rolle des Großen Vaterländischen Krieges als Grundlage zur Konsolidierung der Gesellschaft schlug er vor, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, den 27 Millionen sowjetischen Bürgern, die im Krieg getötet wurden, das Wahlrecht zu geben.
27 Millionen tote Helden, die sich dem Kampf gegen das Böse anschließen; die mit ihrer Weisheit aus dem Jenseits in die Entscheidungsfindung hineinwiegen, wobei ihre Stimme von ihren Familien ausgeübt wird.Warum die Dinge mit der Tatsache verkomplizieren, dass ungefähr die Hälfte dieser 27 Millionen Bürger der nicht-russischen Sowjetrepubliken waren?
Ageevs Vorschlag gewann nie wirklich an Zuspruch, und Russland beschloss vorerst, am Grundsatz festzuhalten, das Wahlrecht nur Lebenden zu gewähren.
EUvsDisinfo hat eine große Zahl von Fällen von Desinformation rund um die US-Wahlen festgestellt, wobei das allgemeine Narrativ in pro-kremlnahen Medien die Integrität der Wahlen und die tatsächliche Legitimität der US-Präsidentschaft als Institution infrage stellt. Das Volk wählt den Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht: Soros tut es, der Deep State und nun auch eine sorgfältige Auswahl verstorbener Wähler.