Tag des Sieges für Recycling-Propaganda
Letzte Woche gedachte die Welt des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa und feierte am 8. Mai den Tag des Sieges in Europa. Damit wurde der 77te Jahrestag des Sieges der Alliierten über die Nazis und das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa begangen. Der Kreml richtet sein Siegesspektakel jedoch auf ein anderes Datum.
In diesem Jahr war das pro-kremlnahe Desinformationsökosystem – vor allem aufgrund Russlands Krieg gegen die Ukraine, der am 24. Februar begonnen wurde – in Aufruhr mit irreführenden Narrativen und unverhohlenen Lügen über die laufende „militärische Spezialoperation“ in der Ukraine. Während die meisten seriösen Medien und Nachrichtenagenturen Vorhersagen über den voraussichtlichen Inhalt von Putins Rede zum Tag des Sieges machten, nutzten russisch staatlich kontrollierte Desinformationskanäle die Gelegenheit um den Westen zu beschuldigen, Panik zu schüren und „Russophobie“ zu verbreiten.
Bemerkenswerterweise bemühten sich die Desinformatoren des Kremls in den Tagen vor dem 9. Mai – womöglich in dem Bewusstsein der überwältigenden Absurdität, das russische militärische Debakel in der Ukraine als Erfolg darzustellen – nach Kräften, Abstand zu gewinnen zwischen der Parade zum „Tag des Sieges“ und den Ereignissen in der Ukraine. Als Putin dann die Rede hielt, war es wenig überraschend, dass sich darin keinerlei feierliche Hinweise auf „Siege“ in der Ukraine fanden.Stattdessen recycelte die fade und wenig überzeugende Rede weitgehend die wohlbekannten Desinformationstopoi des Kreml, indem sie Putins abscheuliche Rede vom 24. Februar erneut aufwärmte.
Wie auf Stichwort folgte Angstmacherei darüber, dass die Ukraine sich darauf vorbereite, das Gebiet des Donbas und sogar Russland zu überfallen. Danach kam das Wiederaufwärmen von Vorwürfen, die Ukraine begehe einen Völkermord und greife Zivilisten im Donbas an. Die aberwitzigen Behauptungen über die angebliche „Monstrosität“ der Ukraine wurden bequemerweise den offen absurden Beteuerungen gegenübergestellt, dass Russland nur Frieden wolle. Natürlich könnte keine Tirade Putins über die Ukraine vollständig sein ohne den Lieblings-Desinformationstopos des Kreml – der Westen benutze die Ukraine, um den Ruhm Russlands zu beschmutzen.
Es gab jedoch ein paar neue Desinformationsansätze in der falschen Erzählung des Kreml über die Ukraine. Am bemerkenswertesten: Putin charakterisierte ganz ungeniert die „militärische Spezialoperation“ in der Ukraine als Fortsetzung des Großen Vaterländischen Krieges und behauptete damit praktisch, dass Russland noch immer gegen die Nazis des Zweiten Weltkriegs kämpfe.Die Besessenheit des Kremls vom Kampf gegen Nazis wurde dann bereitwillig als Begründung für einen präventiven Angriff auf die Ukraine angeführt.
Wie du mir, so ich dir
Während die Berichterstattung zum 9. Mai in der vergangenen Woche insgesamt das von Russland staatlich kontrollierte Desinformationsökosystem dominierte, war sie nicht der einzige Schwerpunkt der pro-kremltreuen Propagandisten. Putin mag versuchen, Ehrfurcht vor „traditionellen Werten“ zu beschwören, doch in einer grotesken Verdrehung der goldenen Regel „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst“ (Lukas 6,31) sind die Versuche des Kremls, die Schuld für seine Verbrechen in der Ukraine abzuwälzen, nahezu abgeschlossen. In einem Versuch, die Welt abzulenken von den Gräueltaten, die Russland in den besetzten Gebieten der Ukraine begangen hat, haben pro-kremltreue Desinformationskanäle schamlos die Ukraine der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt.
Der Taktik folgend, Russlands Fehlverhalten auf andere zu projizieren, erhoben die Desinformationsakteure des pro-kremltreuen Lagers weiterhin haltlose Vorwürfe gegen den Westen, er nutze die Ukraine, um die globale Sicherheit zu destabilisieren. Merkwürdigerweise behaupten dieselben Desinformationskanäle, die ihr Publikum mit dem „allmächtigen Westen“, der Russland zerstören wolle, bedrohen, zugleich auch, dass die Hilfe des Westens für die Ukraine vergeblich sei.Es scheint, sie wollen ihren Kuchen haben und ihn auch essen.
Das jüngste Zielscheibe des Kreml-Spiels, die Schuld hin- und herzuschieben und False-Flag-Operationen anzuprangern, die angeblich gegen Russland inszeniert wurden, ist Moldau gewesen. Die Desinformation reichte von dem Schüren von Ängsten und Panik wegen Angriffen in der Nähe des großen Munitionsdepots in Transnistrien, über die Darstellung der finanziellen Unterstützung der EU für Moldau als Finanzierung für „antirussische Propaganda“, bis hin zu der Beschuldigung des Westens, Moldau zu militarisieren, um es in den Krieg in der Ukraine hineinzuziehen. Keine dieser Desinformationsbehauptungen ist durch Fakten belegt, aber alle passen nahtlos in das Desinformations-Drehbuch des Kreml, das auch andernorts verwendet wird.
Ein neues Niveau der Absurdität
In letzter Zeit scheinen die russischen Desinformations- und Propagandaakteure kopfüber in das tiefe Ende eines Pools der Absurdität gesprungen zu sein. Die falschen Behauptungen über heimliche, an James-Bond-Schurken erinnernde westliche Pläne zur Entwicklung biologischer Waffen in geheimen Laboren in der Ukraine verblassen im Vergleich zu den jüngsten Behauptungen, die Ukraine verdanke ihre Erfolge auf dem Schlachtfeld schwarzen Magieriten. Und das wird nicht in irgendwelchen abgedunkelten Ecken von unauffälligen Telegram-Kanälen geflüstert, die Verschwörungen gewidmet sind.Diese werden von großen russischen Medien wie Ria Novosti verbreitet und aktiv von dem russischen „Denker“ Aleksandr Dugin unterstützt. Andererseits ist dies nicht das erste Mal, dass Russland behauptet, in einen epischen Kampf zwischen dem Licht und der Dunkelheit verstrickt zu sein, in der Ukraine sogar Satan persönlich zu bekämpfen.
Dieser Kampf lässt sich vielleicht am besten an der Darstellung der Schlacht um Azovstal veranschaulichen, wobei die kremlnahen Desinformationskanäle den Verteidigern des Stahlwerks vorwerfen, Zivilisten als menschliche Schutzschilde zu benutzen oder Zivilisten mit Gewalt im Werk festzuhalten und den Zugang zu Evakuierungskorridoren zu verweigern. Kurz gesagt: Alles, was mit „Azov“ zu tun hat, ist eindeutig das Werk Satans oder wahlweise der Nazis, die, laut den Propagandakanälen des Kreml, jede Gelegenheit suchen, auf ahnungslose Zivilisten in der Ukraine zu schießen. Die Realität jedoch ist, dass die stürmenden russischen Kräfte die zivilen Evakuierungskorridore stören, den Zugang zu humanitärer Hilfe verweigern und Wohngebiete in der gesamten Ukraine wahllos bombardieren.
Die letzte Absurdität ist die Behauptung, die Ukraine, unterstützt vom Westen, wolle den Krieg in die Länge ziehen.Jedes Land, das so tapfer kämpft und die Opfer so würdevoll trägt wie die Ukraine, würde als Erstes die Rückkehr des Friedens begrüßen – vorausgesetzt, dass die Aggressorenkräfte Russlands dorthin zurückkehren, woher sie gekommen sind. Doch in der verzerrten Spiegelwelt der Kreml-Propaganda erscheint es vollkommen logisch, der Ukraine die Schuld dafür zu geben, den von Russland begonnenen Krieg zu verlängern, während man sich für einen langen Atem eingräbt und noch immer trotzig und fälschlicherweise glaubt, der Geist der Ukraine könne gebrochen werden.