Verschwörungen: Es ist unmöglich zu sehen, wie Strauße ihren Kopf in den Sand stecken
Sich eine Welt aus Schattenregierungen und Strippenziehern auszumalen, ist der ultimative Machtkick. Es macht dich schlauer als alle anderen; du kannst die schlafenden Halbidioten verabscheuen, die immer noch an das glauben, was man ihnen erzählt. Pro-Kreml-Desinformationskanäle lieben das Konzept der Großen Verschwörung ganz besonders. South Front, eine russische Website, die auf Englisch publiziert, hat Dutzende Artikel, die sich auf “The Matrix” beziehen – den Hollywood-Film aus den 90ern, in dem die Menschheit von intelligenten Maschinen in einer synthetischen Welt gefangen gehalten wird. Nur wenige haben es geschafft aufzuwachen und führen Krieg gegen die Maschinen.
South Fronts „Matrix“ ist – je nach Autor – “Die Reichen“, “westliche Geheimdienste“, “die Demokratische Partei in den USA“, “das Washingtoner Imperium“, “westliche Ziomedia“, “die Regierung“. Die „Strippenzieher“ werden anhand linker Klassenkonzepte oder libertärer Konzepte von „Big Government“ oder rechter Vorstellungen über „Rasse“ definiert. South Front bietet gerne jedem Raum, der die Legitimität irgendeiner westlichen Regierung infrage stellt.
Verschwörungen infrage zu stellen ist wie der Versuch zu beweisen, dass Strauße ihren Kopf nicht in den Sand stecken, um sich unsichtbar zu machen. „Hast du jemals einen Strauß mit dem Kopf im Sand gesehen? Nein? Das beweist es – es funktioniert!“ Verschwörungstheorien funktionieren genauso: Das Fehlen von Beweisen ist der Beweis.„Der Deep State ist so mächtig, dass es ihm gelingt, alle Spuren davon zu verbergen!“

Ein kollektiver Organisator
Pro-Kreml-Desinformationsmedien sind im Allgemeinen sehr großzügig damit, WAS sie veröffentlichen. Lügen, Wahrheiten, Linkes, Rechtes, antisemitisch, islamfeindlich – alles geht. Selbst Lenin sagte, dass eine Zeitung nicht nur ein kollektiver Propagandist und ein kollektiver Agitator ist, sondern auch ein kollektiver Organisator. Lenin baute für seine Zeitung, die Iskra, ein Vertriebsnetz auf, um sie nach zaristischem Russland zu schmuggeln. Nur sehr wenige Exemplare der Zeitung erreichten jemals eine Leserin oder einen Leser, aber das Netzwerk erwies sich als ein großes Fundament für den Aufbau einer Untergrundpartei.
Deshalb können wir auf den pro-kremlischen Desinformationsplattformen praktisch alles sehen:
Strategic Culture Foundation, ein weiteres englischsprachiges pro-kremlisches Desinformationsmedium, veröffentlicht Artikel mit einer Anti-Abtreibungs-Agenda. „Sind Abtreibung und Rechte von Homosexuellen wirklich amerikanische Werte?“, fragt dieses russische Medium.Ein weiterer Artikel kommentiert die Reaktionen auf die jüngste Anti-Abtreibungs-Gesetzgebung in Alabama folgendermaßen:
Was wir in dieser Hysterie sehen, ist nicht irgendein gewöhnliches Geplänkel über ein Keilthema, sondern tatsächlich eine Krise des Liberalismus selbst, die für die Zukunft der amerikanischen Zivilisation äußerst gefährlich sein könnte.
Oder so, zum Referendum über die Änderung der Gesetzgebung zur Abtreibung in Irland:
Deshalb sah sich das einst katholische Irland in einem jüngsten Referendum genötigt, die schützende Formulierung in seiner Verfassung zu ändern, damit es wie der Rest der schicken freidenkenden Länder in der Europäischen Union sein konnte.
Wir sehen, wie “Pro-Familien-Programme in Osteuropa treiben den liberalen Westen in den Wahnsinn”:
Wir können tatsächlich sehen, wie die Gesellschaft beginnt, von den seelischen Wunden der „Sexuellen Revolution“ zu heilen. Diese Maßnahmen sind Schritte in die richtige Richtung, aber leider sind wir noch sehr weit davon entfernt, „Mama“ als einen Beruf betrachten zu können, der für die Gesellschaft ebenso wichtig ist wie Polizisten, Infanteristen und Ärzte.
Interessanterweise widerspricht diese redaktionelle Linie den offiziellen russischen Positionen zur Abtreibung. Während es in Russland, wie überall sonst auch, eine Meinung gibt, die ein Verbot von Abtreibungen befürwortet, ist das Gesundheitsministerium öffentlich sehr deutlich dagegen.Stellvertretende Ministerin Tatyana Yakovleva hat jegliche Pläne ausgeschlossen, die Rechte auf Abtreibung einzuschränken: „Ein Verbot würde die Müttersterblichkeit und die Säuglingssterblichkeit erhöhen, und es würde zur Kriminalisierung des Themas führen. Das kommt nicht infrage“.
Hitler preisen
In anderen englischsprachigen pro-kremlischen Desinformationsmedien gibt es ein ähnliches Muster. News Front preist sogar Adolf Hitler und bietet eine Plattform für antisemitische Propaganda. Auch dies ist weit entfernt von der Position des Kremls. Solche Texte wären im Russischen in der Regel nicht akzeptabel.

Dasselbe lässt sich auch über mehrere andere Themen sagen: Migration zum Beispiel. Russland ist ein Land mit sehr großer Migration – laut russischer Statistik sind 9,79 Millionen ausländische Staatsangehörige offiziell in Russland präsent; die meisten von ihnen sind Arbeitskräfte aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens und des Kaukasus. Russland ist das Land in Europa mit der größten muslimischen Bevölkerung, und Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Islam als ein „klares Element von Russlands kulturellem Code“ bezeichnet.Dennoch ist die Migrationsbedrohung in Europa ein beliebtes Thema in pro-kremlnahen Desinformationsmedien, und es gibt keinen Mangel an Artikeln, die suggerieren, Europa stehe kurz vor einer „muslimischen Übernahme“.
Warum widersprechen pro-kremlnahe Desinformationsmedien der Moskauer Politik und den Realitäten in Russland? Die Antwort ist offensichtlich: um Leser anzulocken. Abtreibung, Migration, Islam: allesamt „heiße“ Themen in verschiedenen Teilen der Welt außerhalb Russlands. Auf den Plattformen des Kreml werden sie alle zusammengeführt.
Antimigrations-, antisemitische, antiislamische, anti-alles-Gruppen und Aktivisten können Inhalte in russischen Desinformationsmedien wie RT, Sputnik, Strategic Culture Foundation und South Front finden, teilen und veröffentlichen.„Mainstream-Medien“ und „Konzernmedien“ hingegen sollen jede Art von Dissens zensieren.
Wen kümmert Russland?
Wer reitet hier bei wem mit? Nutzen Aktivisten – ob rechts, links, pro-life oder pro-choice – RT, South Front, Sputnik oder andere Kreml-Outlets als Plattformen aus? Oder nutzt der Kreml die Aktivisten aus? Das in Moskau ansässige South Front veröffentlichte kürzlich einen Artikel einer US-Aktivistin, die sich selbst als „Sozialistin“ beschreibt und die Nutzung von RT als Plattform verteidigt:
Es braucht keinerlei Sympathie für Russland, um zu sehen, dass das unipolare Imperium für die Menschheit toxisch ist, und die meisten Westler, die sich dieser Toxizität widersetzen, haben keinerlei besondere Gefühle gegenüber Russland – nicht mehr, als sie sie gegenüber der Türkei oder den Philippinen hätten. Manchmal kommt Russland und bietet ihnen eine Plattform in dem Vakuum, das von den Mainstream-Medien hinterlassen wurde, die alles tun, um sie zum Schweigen zu bringen. Na und? Die Alternative wäre, dass alle dissidenten Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Dass Russland verhindert, dass einige von ihnen zum Schweigen gebracht werden, ist nicht das Problem.Das Problem ist, dass sie überhaupt zum Schweigen gebracht werden.
Kurz gesagt: Wen interessiert Russland? Selbsternannte Progressive und alt-rechte Gruppen haben sich um den Mythos zusammengeschlossen, dass die „Mainstream-Medien“ „abweichende“ Stimmen zum Schweigen bringen oder unterdrücken; nehmen diese alternativen Plattformen dankbar an; „hinterfragen mehr“ auf sehr selektive Weise. Infolgedessen wird das Vertrauen der Bürger in die Medien, in staatliche Institutionen, in den Gesellschaftsvertrag in Frage gestellt. Die Demokratie wird untergraben und die Gesellschaft – polarisiert.