1.000 und 4.000 Tage der Geschichtsumschreibung zur Unterstützung des Krieges
Der Kreml hat schon immer versucht, die Geschichte so umzuschreiben, dass sie seiner despotischen Politik und seiner aktuellen Version der verzerrten Realität entspricht. Zu seinen Methoden gehören die Verbreitung von Unwahrheiten über die illegale Annexion der Krim; das Schönfärben von Stalins Verbrechen, einschließlich des Holodomors, und der Beginn eines groß angelegten Krieges gegen die Ukraine. Die alternativen Geschichtsversionen des Kremls ermöglichen, erklären und entschuldigen gleichzeitig jede willkürliche Gewalttat oder Aggression. Geschichtsrevisionismus ist zu einer mächtigen Waffe für Informationsmanipulation und Täuschung geworden, die der Kreml unverhohlen und häufig einsetzt.
Die große Rollenumkehr
Die Versuche des Kremls, die Geschichte umzuschreiben, beschränken sich nicht darauf, die Wahrnehmung des Krieges Russlands gegen die Ukraine neu zu gestalten. Sie laufen schon seit Jahren. Das ultimative Ziel ist es, die Wahrnehmung der Rollen von Opfer und Aggressor umzudrehen und zu verkünden, dass Russland sich lediglich verteidige gegen eine „westliche Aggression“. Diese Manipulationstaktik erstreckt sich über Jahrzehnte. Ein Paradebeispiel war die Leugnung der geheimen Protokolle des Hitler-Stalin-Pakts und die Ablehnung der Mitverantwortung der Sowjetunion für den Beginn des Zweiten Weltkriegs.
In der Tat nimmt der Zweite Weltkrieg einen besonderen Platz im Drehbuch der Informationsmanipulation des Kremls ein. Der Verweis auf den „Großen Vaterländischen Krieg“ und die Darstellung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine als Fortsetzung des Kampfes gegen den Nationalsozialismus ist ein mächtiger Aufruf zur Mobilisierung der Unterstützung für Putins blutiges Regime.
Er schafft auch einen psychologischen Abwehrmechanismus der kognitiven Dissonanz für die Konsumenten kremlfreundlicher Desinformation. Wenn Russland den „guten Kampf“ führt, können gelegentliche Kriegsverbrechen wie in Butscha und Mariupol oder die systematische Zerstörung der zivilen Infrastruktur der Ukraine, damit die Menschen erfrieren und verhungern, doch sicherlich entschuldigt werden?
Den Imperialismus verbergen
Es geht nicht nur darum, historische Tatsachen zu verdrehen, wie die Behauptung, dass die Sowjets allein gegen die Nazis im Zweiten Weltkrieg kämpften, oder die Wiederholung des gründlich entlarvten Mythos, die NATO habe Russland versprochen, keine neuen Mitglieder aufzunehmen. Es geht darum, eine völlig alternative Version der Geschichte zu erschaffen, in der der russische Kolonialismus nicht existiert und die imperialistische Aggression Russlands gegenüber seinen Nachbarn als edles Streben nach Frieden dargestellt wird.
Es ist persönlich
Für Putin ist das Umschreiben der Geschichte eine persönliche Angelegenheit. Man muss nicht weiter suchen als das misslungene „Interview“, das Putin dem ehemaligen Fox-News-Moderator Tucker Carlson gegeben hat, oder darauf achten, wie er stolz eine Karte aus dem 17. Jahrhundert ausgräbt, um zu „beweisen“, dass die Ukraine nicht real ist. Tatsächlich orientiert sich ein großer Teil der Geschichtsrevision des Kremls an seinen öffentlichen Äußerungen, die von Putins „Kreml-Neusprech“ durchzogen sind. Und um diesen manipulativen Versuch zu untermauern, wird Putins große Neuinterpretation der Geschichte jetzt in Schulbüchern, in Geschichtsstudiengängen an Universitäten und sogar in Unterhaltungsformaten wie Videospielen oder Comics kodifiziert.
Es steckt etwas Wahres in dem russischen Witz, dass sich die Vergangenheit so schnell verändert, dass man nicht weiß, was gestern geschehen wird. Deshalb ist es wichtig, die ständige Entwicklung der neuen Geschichtsdarstellung des Kremls zu verfolgen, um Russland für die Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine zur Rechenschaft zu ziehen.
Vergessen Sie niemals und lassen Sie sich nicht täuschen.