Hinter dem Vorhang: Ein neuer analytischer Ansatz zur FIMI-Exposition
Der Europäische Auswärtige Dienst (EAD) hat seinen dritten Bericht über Bedrohungen durch Informationsmanipulation und Einflussnahme aus dem Ausland (FIMI) veröffentlicht. Lesen Sie den vollständigen Bericht hier.
Wie frühere Berichte basiert auch die neueste Ausgabe des Berichts auf sorgfältig gesammelten Daten über beobachtete FIMI-Aktivitäten, um die wichtigsten Trends im Jahr 2024 zu ermitteln und zu analysieren. Angelehnt an die Vorgaben des letztjährigen Berichts zur Stärkung gemeinsamer Maßnahmen, führt der dritte Bericht zu FIMI-Bedrohungen ein neues Element zur Analyse von Informationsmanipulation aus dem Ausland ein: die FIMI-Expositionsmatrix. Diese wurde zur Untersuchung einer Stichprobe von 505 FIMI-Vorfällen angewendet, bei denen etwa 38.000 Kanäle beteiligt waren, die Informationen manipuliert haben.

Die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik und Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Kaja Kallas, stellte den Bericht vor und machte deutlich, dass die Bedrohung durch FIMI global sei und nicht unterschätzt werden dürfe, da „das Ziel [von FIMI] darin besteht, unsere Gesellschaften zu destabilisieren, unsere Demokratien zu schädigen, Keile zwischen uns und unsere Partner zu treiben und die globale Stellung der EU zu untergraben.“
Russland und China passen ihre FIMI-Aktivitäten weiter an
Wie schon in den vergangenen Jahren gehören Russland und China zu den produktivsten FIMI-Bedrohungsakteuren. Ihre Taktiken, Techniken und Verfahren (TTPs) zeichnen sich durch eine kontinuierliche Anpassung aus, sowohl um neue und aufkommende Technologien zu nutzen als auch um die gegen sie verhängten restriktiven Maßnahmen zu umgehen. In diesem Zusammenhang hat der Einsatz künstlicher Intelligenz im Jahr 2024 zugenommen, sowohl zur Unterstützung und Erleichterung der Erstellung von Inhalten – auch bei großen russischen, staatlich gelenkten FIMI-Akteuren wie RIA Novosti – als auch um die Automatisierung und Skalierung der Verbreitung von Inhalten zu ermöglichen.
Für den Kreml ist FIMI, also die Instrumentalisierung von Informationen, ein Instrument zur Durchsetzung seiner geopolitischen Ziele. Im Jahr 2024 lässt sich Russlands Vorgehen als ein Versuch beschreiben, eine Falsche Fassade zu errichten, um kremlfreundliche Operationen der Informationswäsche zu verschleiern. Russland versuchte, gezielt lokale Schwachstellen auszunutzen, indem es maßgeschneiderte und auf bestimmte Zielgruppen zugeschnittene Inhalte verbreitete, wobei es sich insbesondere auf Wahlen in der ganzen Welt konzentrierte. Dennoch blieb die Untergrabung der Ukraine sowie der westlichen Unterstützung für das Land auch 2024 der Schwerpunkt russischer FIMI-Operationen, wie schon in den drei Jahren des groß angelegten Krieges von Russland in der Ukraine.
China hat seine staatlich kontrollierte Medienpräsenz weltweit weiter ausgebaut und dabei eine Vielzahl von FIMI-Taktiken, -Techniken und -Verfahren (TTPs) eingesetzt, von der klassischen Informationsmanipulation bis zur Unterdrückung kritischer Stimmen. Bemerkenswert ist, dass Chinas FIMI-Vertreter über die staatlichen Medien hinausgehen, indem sie private PR-Firmen und Influencer für sich gewinnen, um die geografische und sprachliche Reichweite zu erhöhen, oft mit dem Ziel, Herkunft und Zugehörigkeit zu verschleiern.
Im Jahr 2024 setzte China seine FIMI-Aktivitäten parallel zu anderen Bedrohungsakteuren, darunter Russland, fort. Allerdings scheint der Austausch zwischen den russischen und chinesischen FIMI-Strukturen überwiegend opportunistischer Natur zu sein. Was jedoch die Narrative betrifft, so gab es eine deutliche Übereinstimmung bei den Botschaften, die der NATO die Schuld an der Eskalation des Konflikts mit Russland geben.
Wahlen im Visier
Aus den 505 FIMI-Vorfällen der Stichprobe geht hervor, dass FIMI eine globale Bedrohung mit erheblichen lokalen Auswirkungen ist, insbesondere im Zusammenhang mit Wahlen, sowohl in der EU als auch weltweit. So haben russische FIMI-Akteure die Europawahlen 2024 systematisch ins Visier genommen, indem sie ihre Aktivitäten in den Wochen vor der Wahl intensivierten und diese auch nach dem Wahltag fortsetzten.
Außerhalb der EU war die Republik Moldau besonders stark von russischer FIMI-Aktivität betroffen. Die Präsidentschaftswahlen im Oktober/November 2024 und das Referendum über den EU-Beitritt der Republik Moldau haben eine erhebliche Eskalation der russischen FIMI-Aktivitäten offenbart. Russland nutzte eine komplexe, vielschichtige und adaptive FIMI-Infrastruktur. Bei diesen Operationen wurden bestehende Infrastrukturen mit neu entwickelten Mitteln und Kampagnen strategisch kombiniert, um das Verhalten der Wähler zu beeinflussen und zu manipulieren. Insbesondere wurde die russische FIMI-Infrastruktur, die zuvor gegen die Ukraine eingesetzt worden war, für den Angriff auf die Republik Moldau umfunktioniert, wobei die Netzwerke und Narrative an eine neue Front der Einmischung angepasst wurden.
Natürlich gehen die kremlfreundlichen Versuche, sich in Wahlen einzumischen, über die in dem Bericht untersuchten Vorfälle hinaus. Wie wir bereits in der EUvsDisinfo-Datenbank beobachtet und aufgedeckt haben, standen auch die Wahlen in Frankreich und Deutschland häufig im Visier des Kremls.
Widerhall des russischen FIMI-Einflusses in Afrika
Die FIMI-Infrastruktur Russlands in Afrika im Jahr 2024 spiegelt eine langfristige, vielschichtige Strategie wider, die in den letzten Jahren entwickelt wurde. In Afrika hat der Kreml ebenfalls von regionalen politischen Verschiebungen profitiert und versucht, sich als Gegengewicht zum Westen zu positionieren. Wie im Bericht gezeigt wird, hat Russland seine staatlich kontrollierte Medienpräsenz ausgebaut, z. B. durch die Erweiterung der RT- und Sputnik-Netzwerke, aber auch seine verdeckten Einflussnetzwerke angepasst und ausgebaut, wie zum Beispiel die Afrikanische Initiative.

Die Spitze des FIMI-Eisbergs
Wie wissen wir also, was wir wissen? Weil der EAD die vorgeschlagene FIMI-Expositionsmatrix eingesetzt hat, um den Eisberg aufzudecken, der die FIMI-Architektur verkörpert. Die Analogie mit dem Eisberg ist nicht zufällig, denn wie bei einem Eisberg kann die FIMI-Architektur einen sichtbaren Teil und einen oft größeren, verborgenen Teil haben. Bedrohungsakteure wie Russland und China setzen verdeckte Infrastrukturen ein, um ihre FIMI-Operationen zu ermöglichen, indem sie verborgene Netzwerke schaffen, die lokale Zielgruppen infiltrieren und trügerische Narrative verbreiten. Der verdeckte Charakter dieser manipulativen Bemühungen zeigt, dass FIMI eine hybride Aktivität ist.
Die FIMI-Expositionsmatrix setzt sich aus vier Kategorien zusammen. Drei davon können einem Bedrohungsakteur zugeordnet werden: 1) offizielle staatliche Kanäle; 2) staatlich kontrollierte Medien; und 3) mit dem Staat verbundene Kanäle. Die vierte Kategorie kann nicht notwendigerweise einem staatlichen Akteur zugeordnet werden, aber diese Einrichtungen spielen dennoch eine wichtige Rolle bei FIMI-Aktivitäten, da sie eine systematische Ausrichtung und ähnliche Verhaltensmerkmale aufweisen.

Jede dieser vier Kategorien zeichnet sich durch spezifische verhaltensbezogene und technische Indikatoren aus. Das Verständnis des Modus Operandi jeder Kategorie ist entscheidend, um sie als FIMI-Einheiten zu definieren und zu entlarven. Technische Indikatoren können die öffentliche Zugehörigkeit (und sogar die Selbstzuschreibung) sowie Finanzunterlagen umfassen, aus denen die Finanzierungsquellen und Hinweise auf eine gemeinsame IT-Infrastruktur hervorgehen. Zu den Verhaltensnachweisen können Verstärkungsmuster (z. B. Spiegelung von Inhalten, automatisierte Übersetzungen, erneutes Veröffentlichen) sowie die Verwendung von nicht authentischen, durch KI generierten Konten, koordinierte Nachrichtenübermittlung und Ähnlichkeiten im Branding gehören. Basierend auf diesem Ansatz ist es möglich, ein umfassenderes Verständnis der Rolle und Funktion der verschiedenen Einheiten in der gesamten FIMI-Architektur abzuleiten.

Der EAD hat ein umfassendes Konzept zur Eindämmung der Bedrohung durch Informationsmanipulation entwickelt. Der erste Bericht über FIMI-Bedrohungen, der 2023 veröffentlicht wurde, konzentrierte sich darauf, wie man Informationsmanipulation analysieren kann, und führte die FIMI-Methodologie ein, einen bahnbrechenden Schritt zur Standardisierung des Ansatzes für FIMI-Untersuchungen. Die darauf folgende Ausgabe des Berichts verwendete die Methodologie, um einen kollektiven Reaktionsrahmen für FIMI-Bedrohungen vorzuschlagen. Der dritte Bericht geht noch einen Schritt weiter, indem er einen praktischen Ansatz für die Aufdeckung und Zuordnung von FIMI-Bedrohungen beschreibt – ein dringend notwendiger Schritt zum Schutz unserer Demokratien in zunehmend turbulenten Zeiten. Lesen Sie den Bericht, erfahren Sie mehr und lassen Sie sich nicht täuschen.