Kreml-Historiker, die Krieg gegen das Erinnern führen
Die Desinformationskampagne gegen Polen, über die im Disinformation Review #180, berichtet wurde, ist im Transkript einer Diskussion zu sehen, die von der Zeitschrift Russia in Global Affairs zum Thema „Das Gedächtnis der Geschichte und seine Rolle in der Außenpolitik“ organisiert wurde. Hier sprechen eine Gruppe von Historikern darüber, wie man Geschichte nutzen kann, um Russlands internationale Position zu verbessern. Aus diesem Transkript geht klar hervor, dass Polen sorgfältig als Ziel ausgewählt wurde:
Es gibt Feinde und es gibt Verbündete. Unser Hauptsündenbock sollte Polen sein. Wenn wir mit den Eurokraten einen gemeinsamen Feind finden sollen, wäre Polen wahrscheinlich unser Hauptkandidat. Polens Rolle sollte unter ein wesentlich intensiveres Scheinwerferlicht gestellt werden – und wir können sehen, dass das jetzt passiert.
Die Teilnehmer des Gesprächs schlagen vor, dass Russland darauf bestehen sollte, dass der Krieg nicht am 1. September 1939 begonnen hat:
Wir sollten in der Geschichte zurückgehen und sagen, dass der Zweite Weltkrieg nicht 1939 begann. Wir vergessen, dass es im Fernen Osten einen zweiten Spannungsherd gab. Dort begann der Krieg 1937 – die Chinesen betrachten das als den Beginn des Zweiten Weltkriegs.[…]
Beginnen wir mit den Ursachen des Krieges: dem berüchtigten Versailler Vertrag und dem Triumph des Nationalismus, „nationalen Grenzen“, wo jeder seine eigenen Ansichten hat; Deutschland als gedemütigter Außenseiter; die Isolation Russlands als strategischer Fehler des Westens, der zu autoritären Regimen in ganz Mittel- und Osteuropa führte … Kleine Diktatoren, genauso schlimm wie die großen, nur schwächer, aber mit einer weitaus einflussreicheren Rolle für die Gesamtsituation. Was macht Piłsudski besser als Mussolini? Die baltischen Staaten und Rumänien hatten Führer von demselben Kaliber wie die italienischen Faschisten.
Der Krieg gegen das Erinnern
Vieles von dem, was während der Diskussion unter Historikern gesagt wurde, hat sich im Strom der Desinformation materialisiert: Englischsprachige pro-kremlische Desinformationskanäle veröffentlichen häufige Angriffe auf Polen:
Die Polen wurden zu Saboteuren der kollektiven Sicherheit, indem sie sowjetische Versuche vereitelten, eine antideutsche Entente zu organisieren.Sowjetische Diplomaten warnten ihre polnischen Amtskollegen wiederholt, dass Polen seinem Untergang entgegenging, wenn es seine Politik nicht ändere.
Das polnische Volk ist nicht an den Ereignissen der Vergangenheit interessiert, da es ganz von seinen täglichen Sorgen in Anspruch genommen wird, und die Behörden des Landes nutzen dies zu ihrem Vorteil, indem sie die Geschichte des Zweiten Weltkriegs frei umschreiben.
Die polnischen Behörden versuchen, die Geschichte reinzuwaschen, um sie bequemer erscheinen zu lassen. Daher lohnt es sich, an einige Fakten zu erinnern, die das makellose Bild Polens von 1935–1938 erschüttern könnten. So beschämend es auch ist: Die Wahrheit bleibt die Wahrheit.
Indem sie die Sowjets in die Nazi-Gräuel verwickeln, können die Amerikaner und ihre rechtsgerichteten Stellvertreter in Polen und den baltischen Staaten den abgestandenen, kraftlosen Behauptungen einer „russischen Aggression“ gegenüber dem heutigen Europa neues Leben einhauchen.
Dies sind offensichtlich nur einige Beispiele der Kampagne gegen Polen. Pro-Kreml-Medien haben behauptet, Polen sei ein Verbündeter Hitlers; sie haben angedeutet, dass die polnische Vorkriegsregierung Bedingungen für den Holocaust geschaffen habe und dass Polen tatsächlich den Zweiten Weltkrieg begonnen habe.Weitere Fälle sind in der EU vs Disinformation Datenbank zu finden.
Der Krieg gegen Fakten
Aus dem Transkript geht hervor, dass der Kreml die Kampagne gegen Polen als Reaktion auf die Entschließung des Europäischen Parlaments im September zur Bedeutung des europäischen Gedenkens für die Zukunft Europas gestartet hat. Die Kreml-Historiker betrachten dies als einen Akt der Aggression:
Die Entschließung des Europäischen Parlaments war eine derart unangenehme Überraschung, weil es den Anschein hatte, dass die Erzählung über den Holocaust innerhalb der Erzählung über „die zwei Totalitarismen“ eingeschlossen und von der Mehrheit unterstützt wurde… So gewinnt man den Krieg um das Gedenken nicht. Wir verstehen nicht, wie wir kämpfen sollen, wer unsere potenziellen Verbündeten sind und wer unsere ewigen Feinde sind.
Geschichte ist aus Sicht der Kreml-Historiker keine Wissenschaft, sondern ein Instrument.
Die Vorstellung des Gedenkens an historische Ereignisse als Mittel zur Überwindung von Dissens und Feindseligkeit ist einem Verständnis des Gedenkens als einer weiteren Arena zur Erfüllung politischer Ambitionen gewichen.Der Konflikt ist ewig.
Russlands ehemaliger Kulturminister, der Historiker Wladimir Medinski, teilte diesen instrumentellen Ansatz zur Geschichte in seiner Doktorarbeit:
Das Kriterium für die Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit einer historischen Quelle liegt in ihrer Übereinstimmung mit den nationalen Interessen Russlands.
Mit anderen Worten: Jede Aussage, die gut für Russland ist, ist wahr – ganz gleich, ob sie sachlich korrekt ist oder nicht.
EUvsDisinfo hat darüber berichtet, wie die russische Wissenschaft mit einer bedauerlichen Kultur der Missachtung von Fakten zu kämpfen hat. Russische Wissenschaftler haben den Zusammenhang zwischen Fake-Wissenschaft und gefälschten Wahlen festgestellt. Die Russische Akademie der Wissenschaften hat mehr als 800 Arbeiten aus russischen wissenschaftlichen Zeitschriften zurückgezogen, nachdem sie auf Plagiate geprüft worden waren.
Herr Medinski verlor seinen Doktortitel, nachdem seine Dissertation überprüft worden war. Er wurde im Zuge der jüngsten Kabinettsumbildung in Russland von seinem Amt als Kulturminister entbunden, dürfte aber laut Quellen im Kreml zum Kulturberater von Präsident Putin ernannt werden.
Und der Kreml wird die Geschichte des Krieges weiterhin angreifen.
