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Lev Gershenzon: „Die Mehrheit der Russen sieht die Welt ganz anders, als sie in Wirklichkeit ist“

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Anfang dieses Jahres haben Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen eine Forschungsarbeit für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik über Googles Rolle bei der Verbreitung pro-kremlischer Desinformation in Russland verfasst. Könnten Sie unseren Leserinnen und Lesern einen kurzen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse Ihrer Analyse geben?

In dieser Untersuchung haben wir geprüft, welche Nachrichtenquellen in den vergangenen vier Jahren überwiegend von Google News und Google Discover angezeigt wurden. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Produkte – Google News ist ein Nachrichtenaggregator mit Web- und Mobilversionen; Google Discover ist eine reine Mobilanwendung zur Empfehlung von Inhalten. Sie sind jedoch hinsichtlich der Inhalte, die sie den Nutzerinnen und Nutzern anbieten, eng miteinander verknüpft.

Nach Beginn von Russlands großangelegter Invasion in der Ukraine wurden einige berüchtigte russische Propaganda-Medien aus diesen Diensten ausgeschlossen, während Dutzende weniger bekannter und formal in Privatbesitz befindlicher Medien, die russische Propaganda verbreiten, weiterhin präsent sind und viel Traffic über Google erhalten.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Google News zwar weltweit bekannt ist, in Russland jedoch nur ein sehr kleines Publikum hat. Die Empfehlungen von Google Discover erreichen hingegen mehr als 80% der russischen Bevölkerung, da auf allen Android-Smartphones der Browser Google Chrome und Google Discover vorinstalliert sind.

Helfen Sie uns, das in einen Kontext einzuordnen.Wie populär ist Google in Russland im Vergleich zu Russlands eigenem Yandex und anderen Plattformen?

Yandex und Google sind in Russland die beiden wichtigsten Rivalen in der Websuche und haben ähnliche Marktanteile, aber Google übertrifft Yandex in der mobilen Suche um 15%.

Ähnlich wie Google Discover hat Yandex eine eigene Medien-Empfehlungs-Engine – Dzen –, die auf seiner Startseite präsent ist und täglich zig Millionen Besucher hat. Das Eigentum an Dzen wurde kürzlich an VKontakte übertragen [VKontakte wird kontrolliert (57,3%) von Sogaz, einer staatlichen Versicherungsgesellschaft, die teilweise dem Banker Juri Kowaltschuk gehört, einem langjährigen Verbündeten Putins; und der CEO von VKontakte ist Wladimir Kirijenko, der Sohn von Sergej Kirijenko, dem Ersten Stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung Russlands], aber der Dienst ist weiterhin unter yandex.ru und dzen.ru verfügbar.

Google hingegen besitzt und betreibt eine der beiden wichtigsten sozialen Plattformen in Russland, die bislang nicht blockiert wurden – YouTube. Es ist ein Raum, in dem unabhängige und oppositionelle Journalisten und Blogger ihre Inhalte möglicherweise weiterhin frei veröffentlichen können. Vergleichbare russische Alternativen zu YouTube sind bislang nicht entstanden.

Damit sind Yandex – oder VKontakte, der neue Eigentümer seiner Medien-Assets – und Google die beiden wichtigsten Plattformen, über die mehr als 90% aller Nachrichteninhalte verbreitet werden.Aber Google hat insgesamt ein größeres Publikum.

Gab es Entwicklungen, seit Sie den Bericht veröffentlicht haben?

Seit ich im Januar 2023 erstmals über Googles Rolle bei der Verbreitung von Pro-Kriegs-Propaganda unter Russen geschrieben habe, waren keine wesentlichen Änderungen bei den Algorithmen oder den Statistiken festzustellen – mehr als 20 Millionen Klicks und 100 Millionen Überschriften-Lesungen täglich, laut LiveInternet. Die berüchtigtsten Propaganda-Outlets wie Komsomolskaya Pravda, URA.RU und Tsargrad.tv erhalten weiterhin täglich zwischen Hunderttausenden und Millionen von Klicks.

In gewisser Hinsicht hat sich die Situation sogar verschlechtert. So wurde etwa die neutrale, bekannte und angesehene Zeitung Kommersant im Mai 2023 ohne jede Erklärung vollständig sowohl aus Google News als auch aus Google Discover ausgeschlossen. Gleichzeitig gewinnen kaum bekannte Seiten mit halbautomatisch generierten Inhalten täglich Hunderttausende von Verweisen, wobei blitz.plus die größte ihrer Art ist.

Haben Sie Ihre Erkenntnisse auch mit Google geteilt? Haben sie in irgendeiner Weise reagiert? Wenn nicht, welchen praxisnahen Rat würden Sie ihnen geben, um die Schlupflöcher zu schließen, die Sie und Ihre Kollegen gefunden haben?

Schon in den ersten Tagen, als ich dieses Problem im Januar 2023 entdeckte, begann ich, öffentlich darüber zu schreiben und versuchte, die Aufmerksamkeit der Medien auf dieses Problem zu lenken.Ich habe es als einen algorithmischen Bug beschrieben und vorgeschlagen, dass Google ihn umgehend beheben sollte, wenn sie nicht absichtlich Putins Propaganda verbreiten wollten. Ein ehemaliger Kollege von mir, der derzeit bei Google Discover arbeitet, bedankte sich für den Hinweis und versprach, es im Februar zu beheben, aber dann geschah nichts. Ich habe inzwischen Dutzende Bekannte und Freunde, die für Google arbeiten – keiner von ihnen widersprach mir, aber keiner von ihnen war auch in der Lage, eine funktionierende Lösung vorzuschlagen.

Diese Schwachstelle zu schließen ist nicht schwierig, wir können definitiv mit Ratschlägen helfen, aber ich glaube nicht, dass es Google an guten Ratschlägen mangelt. Die Hauptsache ist, dass Google das Problem anerkennt und entscheidet, dass es gelöst werden muss.

Wie Sie sagten, bevorzugen die meisten Menschen in Russland tatsächlich Yandex. Da Sie früher einmal Yandex News geleitet haben, könnten Sie beschreiben, wie die Welt für die Nutzer von Yandex aussieht? Wie stark unterscheidet sie sich von westlichen Plattformen?

Ich habe seit mehr als 10 Jahren nicht mehr für Yandex gearbeitet. Und in all diesen Jahren haben sich der Nachrichtendienst, das Unternehmen, das Land und seine Bürger verändert. Sie haben sich alle dramatisch verändert – vor 10 Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass Russland einen großangelegten Krieg gegen die Ukraine führen würde, ohne nennenswerten Widerstand aus der Gesellschaft.

Yandex News wurde viel weniger zensiert, als ich dort gearbeitet habe. Es gab viel mehr unabhängige, qualitativ hochwertige Medien und fast keine gesperrten Websites.Um dies in einen Kontext zu setzen: Seit Beginn der umfassenden Invasion wurden mehr als 200.000 Websites blockiert. All diese Faktoren sind wichtig und beeinflussen die Denkweise der Russinnen und Russen. Das Internet ist der beliebteste Kanal, um Informationen sowohl über globale als auch über lokale Ereignisse zu erhalten. Da der Kreml nun die großen Online-Nachrichtendienste dominiert und sowohl Yandex als auch Google ihn bei der Durchsetzung seiner feindseligen Informationspolitik unterstützen, sieht die Mehrheit der Russinnen und Russen die Welt ganz anders, als sie in Wirklichkeit ist. Sie glauben, sie seien von Feinden umgeben, in einer belagerten Festung, und führten einen existenziellen Krieg ums Überleben.

Es gibt keine Patentrezepte und keine sofortigen Heilmittel, aber wenn Google aufhören würde, daran mitzuwirken, wäre die positive Wirkung kaum zu überschätzen.


Über den Interviewten: Lev Gershenzon, ehemaliger Leiter von Yandex.News (2007–2012), arbeitet derzeit bei The True Story, einem neuen, zensurfreien News-Aggregator. The True Story wurde am 22. August 2023 gestartet und in Russland nur drei Tage später blockiert.

Anmerkung der Redaktion: Kürzlich hat die Europäische Kommission einen Bericht mit dem Titel veröffentlicht: „Digital Services Act: Anwendung des Risikomanagementrahmens auf russische Desinformationskampagnen“.Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Social-Media-Unternehmen im ersten Jahr von Russlands illegalem Krieg in der Ukraine dem Kreml ermöglichten, eine groß angelegte Desinformationskampagne gegen die Europäische Union und ihre Verbündeten zu betreiben, die insgesamt mindestens 165 Millionen Menschen erreichte und mindestens 16 Milliarden Aufrufe generierte. Vorläufige Analysen deuten darauf hin, dass die Reichweite und der Einfluss kremlnaher Konten in der ersten Hälfte des Jahres 2023 weiter zugenommen haben, insbesondere begünstigt durch die Demontage der Sicherheitsstandards von X (zuvor Twitter).

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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