Nationaler Whataboutismus als Staatsideologie
Der Kreml und die Kunst des Fingerzeigens
„Whataboutism“ ist ein rhetorisches Mittel, um von einem unangenehmen Thema abzulenken. Das Oxford English Dictionary definiert es als:
Die Technik oder Praxis, auf eine Anschuldigung oder eine schwierige Frage zu reagieren, indem man eine Gegenanschuldigung erhebt oder ein anderes Thema aufbringt.
Die Methode ist im pro-kremlnahen Desinformationsökosystem sehr beliebt. „Das russische Militär hat ein Passagierflugzeug abgeschossen? Na, was ist mit all den Flugzeugen, die die USA abgeschossen haben?“ „Ostukraine? Na, was ist mit all den Ländern, in deren Angelegenheiten sich die USA eingemischt haben?“ „Demonstrierende in Russland festgenommen? Na, was ist mit Polizeigewalt in Europa und den gilets jaunes? Was ist mit der Verfolgung der Teilnehmenden an den friedlichen Protesten in Washington am 6. Januar?“
Die klassische Rhetorik beschreibt diese Technik als eine Variante des tu quoque-Fehlschlusses. Auf Russisch „сам дурак“ – „du bist auch ein Idiot!“. Dieser Ansatz hat tiefe Wurzeln in sowjetischen rhetorischen Traditionen, und das Desinformationsökosystem des Kremls greift häufig auf diese Methode zurück.EUvsDisinfo hat die Methode in mehreren Artikeln beschrieben – hier, hier und hier zum Beispiel.
Ein Eckpfeiler des Kremls
Der Prozess ist so weit fortgeschritten, dass man bereits vorschlagen kann, der Kreml habe ihn zu einer Ideologie weiterentwickelt: Nationaler Whataboutismus. Kreml-Diplomaten und Journalisten aus staatlich kontrollierten Medien wiederholen gebetsmühlenartig Gesprächspunkte, vermeiden intellektuellen Austausch. Die Antwort auf jede Kritik an Russland: Im Westen ist es schlimmer. Die Reaktion auf jede Leistung im Ausland: Russland macht es besser.
Whataboutismus ist ein Eckpfeiler des pro-kremlnahen Narrativs.„Die westliche Justiz ist viel drakonischer als die russische“; „Westliche Länder werden von den Eliten regiert, während Russland ein Mandat vom Volk hat“; „Westliche Länder kämpfen viel stärker als Russland unter der COVID-19-Pandemie und den staatlich angeordneten Lockdowns“.
Die aktuellen landesweiten Proteste in Russland zur Unterstützung des inhaftierten Oppositionspolitikers Nawalny? Was ist mit den deutschen und niederländischen Protesten gegen Lockdowns? Das pro-kremlnahe Ökosystem syndiziert Artikel über den Zusammenbruch der westlichen Welt.
Jetzt scheint die [deutsche] Regierung, wie in den Niederlanden, keine Lösung zu haben, nur Propaganda, die in den großen Medien wie Welt oder der Spiegel verbreitet wird und den Menschen so viel Angst macht. Wegen dieser Propaganda begehen manche Menschen Selbstmord.
Eine Kreml-Sorge
Dieser Artikel ist, mit liebevoll bewahrten Tippfehlern, in mehreren pro-kremlnahen Medien erschienen. Hier zum Beispiel und hier. Selbst auf höchster politischer Ebene wenden russische Beamte, statt auf Fragen zu Massenfestnahmen friedlicher Demonstranten zu antworten, Whataboutism statt Dialog an:
Wir haben Herrn eine Zusammenstellung von Materialien darüber geschickt, wie Festnahmen durchgeführt und friedliche Proteste aufgelöst werden, wie die Polizei in EU-Ländern agiert, um Herrn.Borrell, damit er und seine Delegation die Möglichkeit hätten, viele Fragen selbst zu beantworten, bevor sie sie uns stellen.
Die Kremlbeamten gehen sogar so weit zu behaupten, dass die EU sich weigert zu antworten auf diese Fragen.
Wir haben von ihnen nichts als Schweigen erhalten. Nur Schweigen. Sie haben keine Argumente; es gibt schlicht keine.
Ausweichen statt Dialog. Angriff, statt Antwort:
Wir sind zutiefst besorgt über die anhaltende Verfolgungskampagne gegen Teilnehmer der sogenannten Erstürmung des US-Kapitols am 6. Januar 2021 und gegen überhaupt jeden, der mit den Ergebnissen der jüngsten Präsidentschaftswahl nicht einverstanden ist. US-Beamte und gehorsame Medien haben sie als „inländische Terroristen“ bezeichnet.
Ein weiteres gutes Beispiel ist die Chefredakteurin von RT und Sputnik, Margarita Simonyan. Unter den Russen wächst die Unzufriedenheit über die niedrigen Renten. Anstatt eine Diskussion darüber zu führen, wie das Rentensystem entwickelt und verbessert werden kann, setzt Frau Simonyan leidenschaftlich die Whataboutism-Waffe ein:
Wir zittern vor Angst, wenn wir uns daran erinnern, wie wir 1999 lebten. Das ist eine objektive Tatsache. Wenn Menschen sich beklagen, dass die „Renten niedrig sind“. Natürlich sind die Renten niedrig.Aber sie sind viel höher als früher!
Also: Die Renten sind niedrig? Was ist mit den Neunzigern!? Du hast kein Recht, dich zu beschweren!
Eine Kreml-Regel
Whataboutism, das Herumzeigen mit dem Finger, hat sich beim Kreml von einem billigen rhetorischen Trick zu einer Obsession, einer Kunst entwickelt. Die Staatsmedien fördern eine Kultur der Verbitterung, der Kränkung, in der kritische Bemerkungen als Angriffe auf die Fundamente des russischen Staates, der russischen Kultur, der russischen Existenz beschrieben werden. Regeln der Straßenprügelei prägen die Konturen des kremlischen nationalen Whataboutism:
„Wenn ein Kampf unvermeidlich ist, musst du zuerst zuschlagen“
Pro-kremlische Medien und Kreml-Schergen leben, schlafen, arbeiten nach dieser Regel. Dialog vermeiden. Zuerst angreifen.
