Zahl der Woche: 54.000
Die Branche der Social-Media-Manipulation ist verfügbar, günstig und effizient, während die größten Social-Media-Plattformen es nicht schaffen, koordiniertes unauthentisches Verhalten online zu bekämpfen. Dies sind die beunruhigenden Ergebnisse der neuesten Studie, die vom NATO Strategic Communications Centre of Excellence in Riga (NATO CoE) vorgestellt wurde.
Um die Fähigkeit von Social-Media-Unternehmen zu testen, ihre freiwilligen Verpflichtungen einzuhalten und manipulativen Verhaltensweisen auf ihren Plattformen entgegenzuwirken, führten Experten des NATO CoE ein Experiment durch: Mithilfe der Dienste sogenannter Manipulationsdienstleister kauften sie künstliches Engagement für 105 verschiedene Beiträge auf Facebook, Instagram, Twitter und Youtube.
Für nur 300 Euro konnten die Experten über 54.000 unauthentische Social-Media-Interaktionen (Likes, Shares, Kommentare, Videoaufrufe) mit wenig bis gar keinem Widerstand erwerben. Die überwiegende Mehrheit der Fake-Accounts und das Verhalten, an dem sie beteiligt waren, blieb online, selbst nachdem die unauthentischen Accounts den Social-Media-Plattformen selbst gemeldet worden waren.
Die Studie und frühere Forschung des NATO CoE beleuchten nicht nur die Mängel der Maßnahmen, die Social-Media-Unternehmen ergriffen haben, um Online-Manipulation zu verhindern und zu bekämpfen, sondern auch den lukrativen Schwarzmarkt der Social-Media-Manipulation.
Folgendes haben sie herausgefunden:
1.Russische Dienstanbieter dominieren den Markt für Social-Media-Manipulation. Praktisch alle großen Anbieter von Manipulationssoftware sowie Infrastruktur, die vom NATO CoE identifiziert wurden, stammen aus Russland. Dennoch scheuen sich europäische Manipulationsdienstleister nicht, russische Dienste als Subunternehmer einzukaufen und weiterzuverkaufen.
2. Die Kosten von Manipulationsdiensten hängen damit zusammen, wie erfolgreich die Social-Media-Unternehmen bei der Bekämpfung von Manipulation sind. Je effizienter die unechten Konten entfernt werden, desto mehr Zeit und Geld muss aufgewendet werden, um sie zu ersetzen. Und die Kosten werden an die „Kunden“ weitergegeben. Bezeichnend ist, dass Manipulation auf Instagram am günstigsten ist. Dennoch spiegelt der Preis für Social-Media-Manipulation nicht zwangsläufig die Qualität der „Dienstleistung“ wider.
3. Mehr als 90 % des gekauften Engagements wird zu kommerziellen Zwecken eingesetzt (denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal Werbung sehen, die zum Kauf eines bestimmten Shampoos auffordert!)…
4. …allerdings werden die Werkzeuge und Methoden, die entwickelt wurden, um die Werbeindustrie zu betrügen, auch für politische Einflussnahme eingesetzt. Das NATO-CoE-Experiment ergab, dass unechte Konten auch genutzt wurden, um Engagement auf 721 politischen Seiten und 52 Regierungsseiten zu kaufen, darunter die Konten von zwei Präsidenten sowie von europäischen und amerikanischen Politikern.
5.Es ist der Job von Profis: Fast alle Anbieter von Manipulationsdiensten reagierten äußerst schnell und engagierten sich in der „Kundenbetreuung“, beantworteten Fragen, reagierten auf Beschwerden, und einige boten sogar eine Garantie an, Manipulationszahlen wieder aufzustocken, falls die Social-Media-Unternehmen ihre Bemühungen zunichtemachen.
6. Alles geschieht ganz offen: Vergessen Sie Darknet und konspirative Hacker. Anbieter von Manipulationsdiensten bewerben ihre Leistungen furchtlos und schalten Anzeigen bei den größten Suchmaschinen. Ironischerweise scheuen sich Anbieter künstlicher Interaktionen auf YouTube nicht, bei Google zu werben – dem Eigentümer der Videoplattform.
7. Der Schwarzmarkt ist riesig. Experten des NATO CoE haben Hunderte von Anbietern identifiziert, mehrere davon mit vielen Mitarbeitenden und erheblichen Einnahmen. Tatsächlich könnte inauthentisches Marketing laut aktuellen Berichten ein Problem von 1,3 Milliarden US-Dollar pro Jahr sein.Aber die potenziellen Kosten für die Integrität von Online-Gesprächen sind sogar noch höher.
Basierend auf:
“Wie Social-Media-Unternehmen dabei versagen, inauthentisches Verhalten online zu bekämpfen”, NATO Strategic Communications Centre of Excellence, verfügbar unter: https://stratcomcoe.org/how-social-media-companies-are-failing-combat-inauthentic-behaviour-online
“Der Schwarzmarkt für Social-Media-Manipulation”, NATO Strategic Communications Centre of Excellence, verfügbar unter: https://www.stratcomcoe.org/black-market-social-media-manipulation