Abzug russischer Truppen aus der Ukraine
Es überrascht nicht, dass Übersetzungen politischen Agenden unterliegen und dazu genutzt werden können, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Zwei Wissenschaftler der Universität Gent sind dieser Frage kürzlich in einem Artikel mit dem Titel „Übersetzung von Nachrichten-Diskursen zur Krimkrise: Muster der Umdeutung auf der russischen Website InoSMI“ nachgegangen.
Unausgewogene Berichterstattung
InoSMI.ru ist ein populäres Portal für russische Übersetzungen internationaler Zeitungsartikel (219.000 tägliche Besucher) und Teil der staatseigenen Holding Rossiya Segodnya, zu der auch Sputnik und RIA Novosti gehören. Es erklärt, dass es der russischen Öffentlichkeit „die repräsentativsten Veröffentlichungen“ in ausländischen Medien zugänglich macht. Mit diesem Anspruch im Hinterkopf geben einige der Ergebnisse der Wissenschaftler Anlass zum Stirnrunzeln.
Mit Blick auf Material zur illegalen Annexion der Krim durch Russland versuchten die Forschenden zu quantifizieren, wie Artikel mit positiven und negativen Einstellungen gegenüber Russland bzw. „dem Westen“ in europäischen und amerikanischen Medien insgesamt vertreten sind – verglichen mit den Artikeln, die InoSMI zur Übersetzung ausgewählt hat.
Ihre Ergebnisse zeigen, dass InoSMI unter den zur Übersetzung und Veröffentlichung ausgewählten Artikeln positive Darstellungen der russischen Politik und negative Bewertungen westlicher Politik deutlich überrepräsentiert.Ebenso gibt es eine Unterrepräsentation von Artikeln mit negativen Ansichten über Russland und positiven Ansichten zu westlicher Politik.
IN DER ÜBERSETZUNG VERLOREN
- „Ich glaube, dass der Ansatz, den ich gemeinsam mit den Außenministern erarbeitet habe und den ich vorstellen werde, auf einer Balance zwischen Entschlossenheit und Dialog beruhend, derjenige sein wird, der uns alle zusammenhalten wird.“
EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini am 20. Oktober 2016 - „Ich glaube, dass der Ansatz, den ich gemeinsam mit den Außenministern erarbeitet habe und den ich vorstellen werde, auf einer Balance zwischen Ehrlichkeit und Dialog beruhend, derjenige sein wird, der uns alle zusammenhalten wird.“
Mogherinis Aussage, wie sie von der staatlichen Nachrichtenagentur TASS, vom russischen NTV und anderen russischen Medien wiedergegeben wurde - „Sie wird sich heute Morgen ein bisschen enger an ihre Notizen halten, immer noch nicht perfekt in ihrem Kopf.“
Hillary Clinton-Beraterin Huma Abedin in einer persönlichen E-Mail, in der sie die Präsidentschaftskandidatin bespricht, veröffentlicht von Wikileaks am Dienstag - „WikiLeaks enthüllt, dass Clinton ‚Probleme mit ihrem Kopf‘ hat“
Schlagzeile veröffentlicht von der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti
Auslassungen, Verdrehungen und Veränderungen.
Auf der Ebene der tatsächlichen Texte, dieWissenschaftler fanden ähnliche politisch zweckmäßige Auslassungen, Verdrehungen und Änderungen.
Bei der Darstellung der Geschichte der krimtatarischen Gemeinschaft und ihrer Deportation während des Zweiten Weltkriegs erwähnt ein Artikel in Le Figaro, dass „eine Minderheit der Gemeinschaft“ mit den deutschen Besatzungstruppen kollaboriert habe. In InoSMIs Übersetzung verschwindet die „Minderheit“; stattdessen wird daraus „die Gemeinschaft“, die kollaboriert habe.
Ebenso werden die Einschätzungen der russischen Führung in ausländischen Medien in InoSMIs Übersetzungen häufig verdreht; so wird etwa eine Beschreibung von Präsident Putin, er sei „in eine Operation des ‚kalkulierten Posierens‘ eingebunden“, zu „einem gut kalkulierten Zug“, wobei die ironischen Anführungszeichen entfernt werden. Russlands „militärische Bewegungen in Bezug auf die gesamte Ostukraine“ werden zu „Truppen entlang [der] Grenze [zur Ukraine] zusammenziehen“ – und damit wird Russlands militärische Präsenz in seinem Nachbarstaat geleugnet.Russlands „Blitzkrieg“ wird zu „einem eher kurzen Krieg“, obwohl das deutsche Wort im Russischen oft verwendet wird.
Neben vielen ähnlichen Beispielen untersuchten die Autoren Veränderungen in Überschriften, Bildern und anderen Formen der Rahmung.
Obwohl „InoSMI kaum als ein rein propagandistisches Nachrichtenportal bezeichnet werden kann“, kommen die Autoren zu dem Schluss, dass „die ursprüngliche westliche Berichterstattung über die Krim durch selektive Aneignung, Verschiebungen und Auslassungen in Übersetzungen neu gerahmt wird“.