Der Geist von Tschernobyl: Lügen, Leugnen, Fälschen
Die erste Reaktion des Kremls auf die Katastrophe von Tschernobyl vor 35 Jahren in dieser Woche war, darüber zu lügen. Mehrere Tage lang versuchten die sowjetischen Behörden, die eigene Bevölkerung und die Welt davon zu überzeugen, dass alles in Ordnung sei; man solle weiter die Feierlichkeiten zum 1. Mai vorbereiten. Die Folgen waren verheerend. Doch der reflexartige Instinkt zu lügen ist in einigen russischen Staatsstrukturen und pro-kremlnahen Medien noch immer allgegenwärtig.
Während Russland einen Rückzug seiner massiven Militärpräsenz an den Grenzen der Ukraine erklärt hat, dominiert die Ukraine in dieser Woche weiterhin den Fluss von Desinformation. Wir hören vertraute Topoi, dass „die Ukraine einen Krieg gegen Russland vorbereitet“, „die USA die Ukraine in Richtung eines Krieges drängen, aber Russland die Schuld geben“ und „die Ukraine den USA gehorcht“. Die Ukraine ist zusammen mit Tschechien, der Slowakei und den baltischen Staaten „Marionetten der USA“.

Ein weiteres großes Thema in dieser Woche ist, wenig überraschend, die Untersuchung der Explosion in einem Munitionsdepot in Tschechien und der diplomatische Streit darum. Laut den pro-kremlnahen Medien geht es dabei nur um „Russophobie“.Die Untersuchung der Explosion, die Spuren einer Beteiligung des russischen Militärgeheimdienstes zeigte, sei „wahnsinnig“ und nichts als eine US-„Provokation“ – eine Inszenierung.
Die Katastrophen von Tschernobyl
Diese Woche begeht die Welt den 35. Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl. Die Explosion vom 26. April 1986 in Reaktor 4 des Kernkraftwerks Wladimir Iljitsch Lenin in Tschernobyl, nördlich von Kyjiw, gilt als einer der größten Vorfälle radioaktiver Kontamination der Geschichte, vergleichbar mit der Fukushima-Katastrophe 2011 und der Kyshtym-Katastrophe von 1957.
Doch Tschernobyl war nicht nur eine nukleare Katastrophe, sondern auch eine politische Katastrophe, die die Folgen von Desinformation und die Unfähigkeit eines autoritären Systems demonstrierte, eine Krise zu bewältigen.Die gesamte Ereigniskette war von Desinformation geprägt:
- Die Feuerwehrleute wurden nie über den nuklearen Fallout informiert, wodurch sie tödlichen Strahlungsdosen ausgesetzt wurden;
- Lokale Behörden ordneten keine Evakuierung der nahegelegenen Stadt Prypjat an;
- Zentrale sowjetische Behörden räumten erst mehrere Tage später einen Vorfall ein – ein Kernkraftwerk in Schweden über eintausend Kilometer entfernt stellte einen Anstieg der Strahlungswerte fest und evakuierte sein Personal
Schließlich evakuierten die Behörden Zivilisten, die in der Nähe des Kraftwerks lebten. Feuerwehrleute, medizinisches Personal, Soldaten, Wissenschaftler wurden mit wenig oder gar keiner Ausrüstung in das Katastrophengebiet geschickt. An dem Heldenmut der Tausenden von Tschernobyl-Liquidatoren besteht kein Zweifel; ebenso wenig besteht ein Zweifel an der Feigheit und dem Betrug sowjetischer Funktionäre auf allen Ebenen. Der Versuch der sowjetischen Führung im Jahr 1986, die Katastrophe zu vertuschen, war ein Akt der Gewalt gegen die Völker der Sowjetunion und ihre Nachbarn.Die HBO-Serie Chernobyl beschreibt in einer dramatisierten Version die Katastrophe, die Reaktionen der Behörden und die Konsequenzen.
Kampf gegen die Lecks
Zum Jahrestag hebt die russische staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti die Arbeit des KGB hervor, der versuchte, die Katastrophe zu vertuschen:
Die Rolle des KGB bestand darin, das Objekt zu überwachen, das sich in einem sehr schlechten Zustand befand und eine reale Bedrohung für unser Land darstellte. Außerdem zeigten Geheimdienste ausländischer Regierungen ein großes Interesse an dem Objekt und wiesen vom ersten Tag an eine ungewöhnliche Aktivität bei dem Versuch auf, Informationen zu sammeln, die nützlich sein könnten.
RIA Novosti lobt in einem zweiten Artikel die Bemühungen des KGB, den Informationsraum zur Katastrophe abzusichern. Die Agentur zitiert einen KGB-Veteranen:
Wir ließen nicht zu, dass irgendwelche Informationen nach außen drangen. Aber wir sammelten Erfahrung darin, wie Informationen in Extremsituationen über periphere Stakeholder erlangt werden können und wie man das verhindert.
Im Universum von RIA Novosti war die Vertuschung der Katastrophe der wahre Heroismus. Und der Geist von Tschernobyl ist noch immer lebendig. Lügen, leugnen, fälschen.
Diskrepanz bei den Zahlen
Wenige Länder auf der Welt haben unter der COVID-19-Pandemie schlimmer gelitten als Russland.Die Übersterblichkeit in Russland betrug im Jahr 2020 deutlich über 300.000, während das Land offiziell anerkannt hat, dass die Zahl der Todesfälle durch COVID-19 bei rund 110.000 liegt. In den meisten anderen europäischen Ländern lässt sich die Übersterblichkeit fast vollständig durch die Pandemie erklären. In Russland – 200.000 Bürger sind aus unerklärlichen Ursachen gestorben.
Russland versucht aggressiv, seinen Sputnik-V-Impfstoff in Europa zu vermarkten – das Zulassungsverfahren läuft noch. Dennoch hinkt Russland bei seinen Bemühungen, seine Bevölkerung zu impfen, deutlich hinterher. 4,8 Prozent der Russen sind vollständig geimpft. Der Durchschnitt für EU-/EWR-Länder liegt bei 8,9 Prozent. Impfzögerlichkeit ist eine der Erklärungen für Russlands langsame Impfkampagne. Russische Staatsmedien haben konsequent verschiedene Verschwörungstheorien rund um die Pandemie und die Impfstoffe verbreitet und das Publikum mit Nebenwirkungen verängstigt.
Desinformation ist tödlich. Tschernobyl hat dies auf tragischste Weise gezeigt. Ohne korrekte Daten kann eine Gesellschaft ihre Probleme nicht angehen. Diese Woche erklärte der Kreml Alexei Nawalnys Bewegung für „extremistisch“. Die unabhängige Nachrichtenagentur Meduza wurde als „ausländischer Agent“ eingestuft.Die NGO Reporter ohne Grenzen unterstrich kürzlich den Wert unabhängigen, faktenbasierten Journalismus im Kampf gegen die Pandemie.
Der Kreml führt einen Krieg gegen Dissens und den Austausch von Ideen. Einen Krieg gegen Pluralismus und Ideen.
Die Lügen über Tschernobyl haben die UdSSR nicht gerettet. Jetzt schwächen die Lügen des Kremls Russland.
