Der imperialistische Westen schlägt wieder zu (außerdem: Sex!)
Von den vom Kreml bevorzugten Desinformationsnarrativen ist vielleicht das dauerhafteste der Whataboutism über die angeblich anhaltenden Übel des westlichen Imperialismus und der Einmischung in der ganzen Welt. Wie wir erklärt zuvor haben, ist ein zentraler Bestandteil der globalen Desinformationsstrategie des Kremls, die Aufmerksamkeit von seinen eigenen Verbrechen und seinem autoritären Verhalten abzulenken, indem er mit dem Finger auf andere zeigt und ihnen dieselben Verfehlungen vorwirft – und dabei typischerweise zu groben Falschdarstellungen oder glatten Lügen greift, um seinen Standpunkt zu untermauern. In vielen Fällen wird diese Taktik zudem von Bemühungen begleitet, Russland als Opfer darzustellen, das ungerechtfertigt von Russophobie und Versuchen, seine Souveränität und/oder internationale Stellung zu untergraben, ins Visier genommen wird.
Auf diese Weise schlägt der Kreml zwei Fliegen mit einer Klappe: Er beschwört das Bild eines kriegerischen und imperialistischen Westens herauf und konstruiert damit einen fiktiven Gegner, der Moskau eine bequeme Deckung bietet, um seine unrechtmäßigen Aktivitäten unter dem Vorwand der „Verteidigung“ und der Selbsterhaltung zu rechtfertigen.Das Ziel ist wie immer, die Wahrheit zu relativieren und liberal-demokratische Ansprüche auf moralische Überlegenheit zu untergraben, indem suggeriert wird, dass der Westen genauso schlecht, wenn nicht schlimmer, als Russland ist.
Die Fälle dieser Woche veranschaulichen die beeindruckende Vielfalt an Methoden, mit denen sich die pro-kremlische Desinformationsmaschinerie an diesen narrativen Rahmen an unterschiedliche Situationen und Kontexte anpasst.

Amerika: Die Wurzel allen Übels!
Die USA sind natürlich einer der Lieblings-Boxsäcke der pro-kremlischen Medien (nach der Ukraine an zweiter Stelle, laut der EUvsDisinfo-Datenbank). Es gibt praktisch kein Verbrechen und keine hinterhältige Intrige, für die Amerika nicht irgendwann verantwortlich gewesen sein soll! Genau in diesem Moment mischen sich die USA in Hongkong ein, indem sie die andauernden Proteste unterstützen, um eine Farbenrevolution zu inszenieren, und planen, Grönland durch einen erzwungenen Deal zu erwerben, da Dänemark ihr Vasallenstaat ist. In der Zwischenzeit hält das US-Militär in Rumänien Moldau als Geisel und nutzt Polen, um seine strategischen Interessen in der Region zu finanzieren. Offenbar hat Washington sich auch an den baltischen Staaten sattgesehen und zielt nun darauf ab, sie an Russland zu verkaufen.(Ja, du hast richtig gelesen.)
Russland: von Feinden umzingelt
Natürlich erstrecken sich Amerikas globale imperialistische Bestrebungen auch auf Russland und dessen Hinterhof. Vergiss die Behauptungen über russische Versuche, sich in die US-Wahl einzumischen – das ist nur Washington, das versucht, seine eigenen Spuren zu verwischen und die Wahrheit zu verdrehen! Die wahre Geschichte ist, dass US-Spezialkräfte und staatliche Behörden sich in Russlands Wahlen einmischen und versuchen, seine innenpolitischen Entscheidungen zu beeinflussen. Das arme Russland ist eben von allen Seiten von Feinden umzingelt: Die EU plant, Russland zu übernehmen und Belarus zu ruinieren, so wie sie es mit der Ukraine getan hat, und ihr Sanktionsregime ist nur eine Fassade, um die Entwicklung der Eurasischen Wirtschaftsunion zu verhindern, die für die EU eine Konkurrenz darstellen würde. Das Östliche-Partnerschafts-Programm der EU ist darauf ausgelegt, die belarussische Identität zu untergraben. Georgien wiederum wurde von westlichen Interessen vereinnahmt und wird von EU und USA gesteuert.
Ein Schuss historischer Revisionismus…
Auch die Vergangenheit ist Gegenstand der Schlachtung von Wahrheit und Fakten durch die pro-kremltreuen Medien.Historischer Revisionismus ist ein bevorzugtes Instrument im Desinformations-Werkzeugkasten des Kreml, das dazu dient, Moskaus Verantwortung für zahlreiche Gräueltaten reinzuwaschen und die Sünden anderer auszuschmücken oder zu erfinden, wodurch die Erzählung vom bösen westlichen Imperialismus fortgeschrieben wird. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich das in der Praxis zeigt: Der Molotow-Ribbentrop-Pakt sei harmlos gewesen und eigentlich vorteilhaft für Europa (!), da er Britanniens expansionistische Pläne auf dem Kontinent vereitelt habe! Dann gibt es die üblichen Täuschungen über die NATO und amerikanischen Abenteurertum im Ausland: dass NATO-Bombardierungen in Jugoslawien über 2000 Zivilisten getötet hätten (falsch, die meisten Schätzungen liegen bei einem Bruchteil davon), dass der Westen in Kyjiw einen „Nazi-Putsch“ organisiert habe (falsch, die Euromaidan-Proteste waren kein Putsch) und dass die USA und ihre europäischen Verbündeten Muammar al-Gaddafi gestürzt und getötet hätten (falsch, Gaddafi wurde von Rebellenkräften gestürzt und später ermordet).

…und eine Prise reißerischer Würze
In einem Artikel Anfang dieser Woche haben wir darüber geschrieben, was Desinformation für unser Gehirn besonders attraktiv macht. Ein wiederkehrendes Element? Reißerische Inhalte.Von den sieben Schlüsselfaktoren, die eine aktuelle anthropologische Studie identifiziert hat, beziehen sich fünf auf unsere Grundinstinkte: Sex, Ekel, Abweichung, Klatsch und Prominente. Wir Menschen sind seltsame Wesen – fasziniert von allem, was mit Sex, Blut, Horror und allem anderen zu tun hat, das uns aus allen Socken haut. Um die Aufmerksamkeitsökonomie zu hacken und Viralität zu erzeugen, ist Desinformation so gestaltet, dass sie genau diese Neigungen füttert. Die pro-kremlnahen Medien haben dieses Ködern praktisch zur Kunstform erhoben. Die UNO etwa zwinge angeblich Sexualerziehung in Schulen auf, die zu früherer sexueller Aktivität, Teenagerschwangerschaften, Abtreibung, Impotenz und – am schlimmsten von allem! – „homosexueller Neigung“ führe. Der Kreml ist, wie wir wissen, besessen von der vermeintlichen Perversion „traditioneller Familienwerte“ im Westen und lässt keine Gelegenheit aus, den „moralischen Verfall“ liberal-demokratischer Werte und die entsprechenden Rechte von Frauen und sexuellen Minderheiten zu skandalisieren. Stockholms jüngste Pride-Parade zum Beispiel wurde von den pro-kremlnahen Medien als Marsch „gleichgeschlechtlicher Perverser“ umgedeutet, angeführt vom Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte.
Ehrlich? Der Kreml muss sich einfach beruhigen, die Homophobie fallenlassen und ein bisschen Taylor Swift hören.