Desinformation nimmt Boris Johnsons Gesundheitszustand ins Visier
Journalistische Untersuchung: Die Behauptungen von RIA Novosti über den Zustand des britischen Premierministers waren das Ergebnis einer zentralisierten Koordination in Moskau.
Am 5. April berichtete die staatlich kontrollierte russische Nachrichtenagentur RIA Novosti, eine Quelle „nahe der Führung des englischen NHS“ habe gesagt, Boris Johnson „würde eine mechanische Lungenbeatmung erhalten.“
Das stellte sich als nicht korrekt heraus. Weder damals noch später wurde der Premierminister mechanisch beatmet. Die britischen Behörden reagierten, indem sie den Bericht von RIA Novosti als „Desinformation“ bezeichneten.
RIA Novosti änderte seinen Bericht später; das Original ist jedoch in einer archivierten Version erhalten.
Initiative des Chefredakteurs
Eine journalistische Untersuchung, veröffentlicht vom unabhängigen russischen Medium Meduza (verfügbar auf Englisch), zeigt, dass die sensationelle Behauptung von RIA Novosti kein Fehler oder Missverständnis war, sondern das Ergebnis einer zentralisierten Koordination in der Zentrale der Agentur in Moskau.
Einer der Quellen von Meduza zufolge „wurde die Geschichte so abgezeichnet, als wäre sie in London geschrieben worden, aber das war sie nicht.“Das Londoner Büro hatte damit nichts zu tun und erfuhr erst im Nachhinein davon.”
Eine andere Quelle sagte Meduza, dass die Führungskraft, auf deren Initiative die Geschichte veröffentlicht wurde, Margarita Simonyan gewesen sei – die Chefredakteurin sowohl von RIA Novosti als auch von RT (Russia Today). Die Geschichte wurde in Moskau von einem RIA-Novosti-Mitarbeiter geschrieben, der behauptete, eine verlässliche Quelle zu haben, so die Quellen.
Meduzas Quellen berichteten außerdem, dass RIA-Novosti-Reporter von ihrer Leitung angewiesen worden seien, weiterhin auf die Behauptung zu verweisen, Boris Johnson benötige ein Beatmungsgerät – auch nachdem die Geschichte von der britischen Regierung widerlegt worden war.
Laut Meduzas Gesprächspartnern werden RIA-Novosti-Reporter grundsätzlich dazu ermutigt, Geschichten darüber zu schreiben, „wie schlecht alles im Ausland ist“, selbst wenn „sich diese Berichte oft als Fälschungen herausstellen“, schreibt Meduza.
Von der EU sanktionierter CEO
RIA Novosti ist Teil der staatlichen Medienholding Rossiya Segodnya, zu der auch Sputnik und InoSMI gehören. Ihr CEO ist der von der EU sanktionierte Dmitry Kiselyov.
Der von der EU sanktionierte Dmitry Kiselyov ist der CEO von Rossiya Segodnya – dem staatlich kontrollierten Mediengiganten, zu dem RIA Novosti gehört. Parallel moderiert er seine eigene Sendung beim staatlich kontrollierten Fernsehsender Rossiya 1, wo er außerdem stellvertretender Generaldirektor ist.
Seit Dmitri Kisseljow 2013 als CEO übernommen hat, hat RIA Novostis Ruf gelitten – insbesondere aufgrund von seinem Online-Bereich.
Die Berichterstattung der dominierenden russischen Medien – darunter RIA Novosti – wird durch ein zentralisiertes System gesteuert, in dem Chefredakteure und Topmanager während regelmäßiger Treffen mit Kremlbeamten Anweisungen erhalten.
Als Reaktion auf Meduzas Anfrage um einen Kommentar sagte RIA Novostis Chefredakteurin Margarita Simonjan: „Ihre Quellen lügen. Oder Sie lügen, dass Sie diese Quellen haben.“
Lesen Sie Meduzas Recherche auf Englisch.
Top-Bild: Bildschirmfoto von RIA Novosti.