Die Peinlichkeit des Scheiterns
Der Attentatsversuch auf Alexei Nawalny im August 2020 war in diesem Jahr ein Hauptthema im Strom der Desinformation. Von pro-kremlnahen Medien weiterverbreitete Behauptungen reichten von „Nawalny wurde nicht vergiftet“ über „die EU hat Nawalny vergiftet“ bis hin zu „Nawalnys Abnehm-Diät machte ihn krank“ oder noch vor einer Woche „Selbstgebrannter Wodka vergiftete ihn“. Die EUvsDisinfo-Datenbank enthält 176 Fälle von Desinformation über den Attentatsversuch. Dies lässt sich mit 87 Fällen zur COVID-19-Pandemie im selben Zeitraum vergleichen, 20. August – 22. Dezember 2020.
Zusammen mit dem Rechercheteam von Bellingcat hat Alexei Nawalny uns nun die ultimative Widerlegung aller falschen Aussagen über den Angriff geliefert. Die Untersuchung zeigt in großem Detail, wie und von wem der Versuch, Alexei Nawalny zu ermorden, geplant und ausgeführt wurde – und warum er scheiterte.
Wichtige Details der Untersuchung wurden bekannt, als Herr Nawalny, der vorgab, ein vorgesetzter Offizier zu sein, einen der FSB-Spezialisten anrief, der an dem Angriff beteiligt war.
Sprich niemals mit Fremden
Herr Nawalny rief den Offizier um 7 Uhr morgens an und verlangte Einzelheiten für einen dringenden Bericht an den Leiter des Russischen Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew.Nawalny nennt ein paar weitere Namen aus der FSB-Hierarchie, und sein Gesprächspartner beginnt bereitwillig, Details zu einer streng geheimen Operation preiszugeben, die niemals am Telefon besprochen werden dürfte. Nawalny und der Spezialist sprechen 49 Minuten lang. Ein Link zum gesamten Gespräch ist hier. Alexei Nawalnys Video, das das Gespräch zusammenfasst und die Schuldigen identifiziert, wurde bis heute fast 15 Millionen Mal angesehen.
Das Gespräch ermöglichte es Nawalny und dem Ermittlungsteam, eine Reihe von Kreml-Lügen zu widerlegen:
- Der Gesprächspartner bestätigt, dass der Angriff von einer russischen staatlichen Struktur, dem FSB, organisiert wurde;
- Die Vorbereitungen für den Angriff liefen seit mehreren Jahren;
- Der Gesprächspartner teilt Details zu Beteiligten, Spezialisten, Einheiten und Befehlsketten;
- Der Gesprächspartner teilt Details dazu, wie das Gift verabreicht wurde und wie versucht wurde, Beweise zu vernichten;
- Der Gesprächspartner bestätigt, dass Spezialisten der deutschen Bundeswehr die richtigen Schlüsse über die Art des beim Angriff verwendeten Gifts ziehen konnten;
- Der Angriff scheiterte aufgrund des schnellen und professionellen Handelns der Besatzung von Nawalnys Flug aus Tomsk sowie des medizinischen Notfallpersonals am Flughafen Omsk
Die meisten dieser Details sind seit Ende August bekannt.Alexei Nawalny hat seine Dankbarkeit gegenüber dem Piloten und dem medizinischen Personal dafür zum Ausdruck gebracht, dass sie ihm das Leben gerettet haben. Deutsche, schwedische und französische Labore identifizierten schnell die Art des verwendeten Giftes, das berüchtigte „Nowitschok“, ebenso wie die Labore der Organisation für das Verbot chemischer Waffen. Der FSB hat eine lange Geschichte gewaltsamer Angriffe auf Dissidenten, Oppositionsfiguren und Überläufer. Doch mit den jüngsten Enthüllungen ist es praktisch unmöglich geworden, falsche Behauptungen über die Verantwortlichkeit russischer staatlicher Stellen für den Angriff auf Herrn Nawalny weiterzuverbreiten.
Die schwärzeste aller schwarzen Listen
Die größte Nachricht, die durch Nawalnys Anruf offengelegt wurde, ist der Nachweis eines nahezu unvorstellbaren Mangels an Professionalität bei FSB-Mitarbeitern, die Details zu einer Operation gegenüber einer zufälligen, unbekannten Person preisgeben, die vorgibt, ein vorgesetzter Offizier zu sein, und dabei „große“ Namen erwähnt. Der FSB-Beamte auf niedriger Ebene fügt sich sofort der Autorität des Anrufers; er wagt es nicht, das Urteil der Chefs in Frage zu stellen, und nutzt eine unsichere Telefonleitung, um über sensible Themen zu sprechen.
Für die russische Führung ist dies der peinlichste Teil der Nawalny–Bellingcat-Recherche. Zuzugeben, Menschen zu töten, ist nicht peinlich. Scheitern ist es.Pro-Kreml-Medien haben sehr oft argumentiert, dass gerade das Scheitern des Anschlags auf Nawalny – und Sergei Skripal – ein „Beweis“ für Moskaus Unschuld sei. Wenn Russland tötet, stirbt das Opfer.
Scheitern ist die Blamage; nicht die Mittel. Der Kreml hat bis -22. Dezember 2020- ein paar Tage nach der Veröffentlichung von Alexei Nawalnys Gespräch mit seinem eigenen Attentäter nicht geschafft, eine kohärente Parteilinie zu formulieren. Kremlsprecher Dmitri Peskow verbreitet eine Theorie, wonach Nawalny an „Größenwahn“ leide. Keines der üblichen pro-kremlischen englischsprachigen Medien hat es gewagt, zu kommentieren, bevor es Anweisungen aus Moskau erhalten hat; nicht Strategic Culture Foundation, nicht Oriental Review, nicht One World, nicht South Front, nicht einmal News Front. RT ist bei diesem Thema bemerkenswert zurückhaltend gewesen. Die Reaktion des russischen Außenministeriums besteht darin, „Russophobie“ zu schreien und „die Liste der Vertreter von EU-Mitgliedstaaten und Institutionen auszuweiten, denen die Einreise in die Russische Föderation verweigert wird“.Die berüchtigte schwarze Liste des Kremls; so schwarz, dass niemand weiß, wer auf ihr steht.
Eine russische Köpenickiade
Im Oktober 1906 verkleidete sich der deutsche Kleinkriminelle Wilhelm Voigt als Hauptmann, ein Hauptmann der preußischen Armee, rief einen Trupp Soldaten zusammen, besetzte das Rathaus des Berliner Vororts Köpenick und verlangte das Geld aus der Stadtkasse. Die Soldaten, die Rathausbediensteten; alle beugten sich der Uniform und der Autorität und kamen nicht einmal auf die Idee, die Befehle des beeindruckenden Hauptmanns in Frage zu stellen, der mit 3.557 Reichsmark und 45 Pfennig davonlief.
Die ganze Geschichte ist zu einem Symbol für preußischen blinden Gehorsam gegenüber Autorität geworden. Alexei Nawalnys 49 Minuten langes Interview mit einem seiner eigenen Angreifer zeigt in ähnlicher Weise, wie die russischen Staatsstrukturen eine Kultur der Unterwürfigkeit gegenüber der Hierarchie entwickelt haben.
Stalin regierte Russland durch ein System, das auf Angst basierte. Die heutige russische Führung, verzweifelt darauf bedacht, „Einheit“ zu demonstrieren, ist zum Opfer ihres eigenen Unterwerfungskults geworden. Abweichende Meinungen und Integrität werden auf allen Ebenen ausgemerzt; übrig bleiben nur Lakaien und Ja-Sager. Ein System, das keine Fragen zulässt, ist dem Untergang geweiht.
