Die Ukraine mit Desinformation herabwürdigen
Da sich die Konfrontation rund um das Asowsche Meer und die Straße von Kertsch zugespitzt hat, hat auch die Desinformation zugenommen – ebenso wie die Rhetorik, mit der Ukrainer und ihr Land in den russischen staatlich kontrollierten Medien herabgewürdigt werden.
Herabwürdigende Sprache kann jedoch auch Desinformation umfassen; das eine schließt das andere nicht aus.
Die ukrainische Marine herabsetzen
Am vergangenen Sonntag erzählten zwei der meistgesehenen russischen TV-Sender ihrem Publikum, dass die drei ukrainischen Schiffe, die von der russischen Seite bei dem Seegefecht im Asowschen Meer aufgebracht worden waren, ein Drittel der gesamten ukrainischen Marine ausmachten.
Der Moderator des Staatssenders Perwy Kanal, Pjotr Tolstoi, der auch stellvertretender Parlamentspräsident des russischen Parlaments ist, sagte seinem Publikum Folgendes:
„Diese Woche haben wir zwei wichtige Dinge erfahren. Erstens: Die Ukraine hat, wie sich herausstellt, eine Marine. Genauer gesagt – sie hatte einmal eine Marine, hat aber ein Drittel davon verloren, doch dazu später …“
Am selben Sonntagabend, aber auf einem anderen großen staatlichen TV-Sender, Rossija 1, griff der von der EU sanktionierte Moderator Dmitri Kisseljow die Aussage seines Kollegen mit folgenden Worten auf:
„Unsere Grenzschützer haben die Aufgabe glänzend bewältigt. Infolgedessen sind alle am Leben, und nun wird fast ein Drittel der aktiven ukrainischen Flotte in [dem russischen Hafen] Kertsch festgehalten.Lächerlich. Obwohl es tatsächlich viel Lärm erzeugt hat”.
Von unabhängigen Journalisten faktengeprüft
Das unabhängige russische Online-Medium The Insider überprüfte diese Versuche, die ukrainische Marine herabzuwürdigen.
Selbst wenn die Ukraine infolge der illegalen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 80% ihrer Marine verloren hat, verlor sie bei dem Zwischenfall im Asowschen Meer nicht ein Drittel ihrer verbleibenden Marine, sondern nur ein Drittel eines bestimmten Schiffstyps, wie The Insider betont.
The Insider stellte außerdem fest, dass die Formulierung in den beiden Aussagen im russischen Staatsfernsehen auffallend ähnlich ist; dies deutet darauf hin, dass es ein Ergebnis der Praxis sein könnte, zentral koordinierte Narrative aus dem Kreml zu verbreiten.
Ukrainer lächerlich machen und entmenschlichen
Dieses Lächerlichmachen der ukrainischen Marine spiegelt andere Fälle wider, in denen Desinformation genutzt wurde, um die Ukraine als schwach und abhängig darzustellen.
Wir haben Desinformation darüber gesehen, dass die gekaperten ukrainischen Schiffe ein Geschenk der USA seien, was nicht stimmt, sowie eine Geschichte über Kinder in Mariupol, die gezwungen worden seien, Schützengräben für die Soldaten der Ukraine auszuheben.
Die Ukraine wurde als kein Land, sondern nur ein bloßes Territorium und ein Nazistaat beschrieben.Aussagen wie „es gibt keine Ukraine“ und dass die Ukraine „nicht als ernstzunehmender Staat betrachtet werden kann“ wurden im russischen Staatsfernsehen artikuliert:
Wir haben zuvor Beispiele für entmenschlichende Desinformation beschrieben; Behauptungen, dass Ukrainer Essen von Tauben stehlen, um zu überleben, Geschichten über Handel mit menschlichen Organen sowie darüber, wie Studierende in der Ukraine angeblich gezwungen werden, Verwandte abzulehnen, die in Russland leben, gehören zu den Beispielen.
Die Kombination aus Desinformation und herabwürdigender Sprache dient als Beispiel dafür, wie Russland Kommunikation als hybride Form der Aggression nutzt, die es in diesem Fall in eine militärische Konfrontation mit einem fremden Land integriert.
Weiterführende Lektüre:
Russlands langfristiger Desinformationsplan für das Asowsche Meer
Entmenschlichende Desinformation als Waffe des Informationskriegs
Ziele des russischen Staatsfernsehens diese Woche: Ukraine, Polen und die USA als Antihelden