MH17: Sieben Jahre Lügen und Leugnen
Seit sieben Jahren versuchen die russischen Behörden, ihre Verbindungen zum Mord an 298 Zivilisten an Bord des Flugs MH17 hinter einem Schleier aus Lügen und Leugnung zu verbergen. Doch die ersten Kommentare zur Tragödie vom 17. Juli 2014 waren Worte des Triumphs, der Feier und der Selbstgefälligkeit.
Nur Minuten nach der Tragödie erklärte Igor Girkin, der selbsternannte „Verteidigungsminister“ der selbsternannten „Volksrepublik Donezk“, stolz, wobei er Bilder des Rauchs des abgeschossenen Flugzeugs teilte: „Wir haben euch gewarnt – fliegt nicht über unserem Himmel“
Kurz darauf versuchte Herr Girkin, die Nachricht zu löschen und so zu tun, als habe er dergleichen nie gesagt. Herr Girkin, ein ehemaliger russischer Militäroffizier, ist heute einer von vier Personen, denen die Tötung der 298 Menschen an Bord vorgeworfen wird.
Die erste Lüge: „Wir haben nie gesagt, dass wir es getan haben!“ Eine typische reflexhafte Reaktion, wenn man einen fatalen Fehler macht. Im Januar 2020 schoss die iranische Luftabwehr ein ukrainisches Passagierflugzeug über Iran ab. Nach ein paar Tagen des Leugnens übernahmen die iranischen Behörden die Verantwortung, gewährten Ermittlern Zugang und erklärten sich bereit, den Opfern Entschädigungen zu zahlen. Keine weiteren Lügen. Die Tragödie war das Ergebnis eines monströsen Fehlers. Nicht der erste in der Geschichte; und auch nicht der letzte. Die Ukraine handelte 2001 in ähnlicher Weise, als ein russisches Passagierflugzeug abgeschossen wurde.Die Vereinigten Staaten schossen 1988 ein iranisches Flugzeug ab und akzeptierten mehrere Jahre später, den Opfern eine Entschädigung zu zahlen.
Im Fall MH17 entschied der Kreml, bei Lügen und Leugnung zu bleiben. Die EUvsDisinfo-Datenbank enthält über 300 Fälle von Desinformation zu MH17. Ein charakteristisches Merkmal der Geschichte der Lügen in diesem Fall sind die erbitterten Versuche, „alternative Versionen“ der Tragödie zu schaffen. Um die sieben Jahre der Lügen und Leugnung zu dokumentieren, hat EUvsDisinfo die sieben ungeheuerlichsten Lügen der Kreml-Desinformationsmaschine gesammelt.

Am 18. Juli 2014, weniger als 24 Stunden nach dem Abschuss von MH17, lieferte Herr Girkin, der nun versucht, sein triumphierendes Lächeln zu verbergen, seine erste falsche Version der Tragödie:
Laut Personen, die nach dem Absturz Leichen einsammelten, war ein großer Teil der Leichen „nicht frisch“ – die Menschen seien bereits mehrere Tage zuvor gestorben.
Diese Aussage ist nicht nur eine geschmacklose Lüge und eine Demütigung der Hunderten von Menschen, die bei dem Angriff ihre Angehörigen verloren haben; sie ist auch eine Urheberrechtsverletzung der BBC-Sherlock-Holmes-Folge „A Scandal in Belgravia“, in der genau dieses Schema durchgespielt wird.Die Episode wurde in Russland im Januar 2012 ausgestrahlt.

Später am Tag der Tragödie, dem 17. Juli 2014, berichteten mehrere russische Medien, dass ukrainische Kräfte beabsichtigt hätten, das Flugzeug des Präsidenten Russlands abzuschießen:
Eine Quelle in Russlands Föderaler Agentur für Luftverkehr, die anonym bleiben wollte, hat der Nachrichtenagentur Interfax mitgeteilt, dass das Ziel der ukrainischen Rakete das Flugzeug des Präsidenten Russlands gewesen sein könnte. Der Quelle zufolge trafen sich die russische „Air Force One“ und die malaysische Boeing an einem Punkt und flogen im selben Luftkorridor.
Russlands Air Force One ist ein völlig anderer Flugzeugtyp und weist nur eine entfernt ähnliche rot-weiß-blaue Lackierung auf und folgte vollständig anderen Routen. Die Behauptung ist eine der ältesten und auch eine der hartnäckigsten; das aktuellste Beispiel in der EUvsDisinfo-Datenbank stammt aus Februar 2021.

Am 19. Juli 2014, zwei Tage nach der Katastrophe, behauptete ein Twitter-Konto, das einem gewissen „Carlos, einem spanischen Dispatcher“ gehörte, der für die Flugsicherung am Flughafen Kyjiw arbeitete, dass zwei ukrainische Kampfjets das Flugzeug abgeschossen hätten. Dass eine solche Person nicht für die ukrainische Flugsicherung gearbeitet hatte, wurde sehr schnell festgestellt, und das Twitter-Konto wurde gelöscht.Dennoch führte RT Spanish ein Interview mit einer Person, die behauptete, Carlos zu sein. Die Identität der Person wurde auch schnell festgestellt – ein spanischer Staatsbürger, der in Rumänien lebt. Die Geschichte entpuppte sich als Schwindel. Dennoch wird sie von pro-kremlnahen Quellen häufig als „Beweis“ für eine ukrainische Beteiligung angeführt.

„The Spanish Dispatcher“ berichtete davon, dass ukrainische Jets kurz vor dem Absturz in der Nähe von MH17 geflogen seien. Dies implizierte, dass MH17 abgefangen und von ukrainischen Kampfjets abgeschossen worden sei. Während „The Spanish Dispatcher“ schnell als Schwindel verworfen wurde, ist die Version mit ukrainischen Kampfjets eine wiederkehrende Behauptung geblieben. Noch am 22. Juni 2021 behauptete ein großes pro-kremlnahes Medium in Russland, dass die Kampfjet-Version noch nicht verworfen worden sei. Doch, wurde sie. Der laufende Prozess in den Niederlanden hat sämtliche forensischen Beweise sorgfältig geprüft und festgestellt, dass MH17 von einer Buk-Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde – „es gibt keine andere mögliche Schlussfolgerung“.

Die Buk-Rakete ist ein großes Objekt: Sie ist 5,5 Meter lang und hat eine Spannweite von fast einem Meter. Der Gefechtskopf enthält 70 Kilo hochexplosiven Splittersprengstoff. Die forensischen Teams konnten riesige Mengen an Trümmern sicherstellen, große Metallstücke mit Seriennummern, um die einzelne Rakete zu identifizieren. Harte Beweise zeigen, dass das Flugzeug von einer Buk-Rakete abgeschossen wurde.Mainstream-pro-kremlinnahe Medien richten ihre Aufmerksamkeit auf die Behauptung, dass die betreffende Buk von ukrainischen Kräften bedient wurde. Solche Behauptungen sind häufig – hier ein Beispiel von Anfang Juni 2021 aus dem russischen Staatssender RT. Die Streitkräfte der Ukraine betreiben zwar die Buk, aber alle einzelnen Raketen sind erfasst. Dokumentationen zu Truppenbewegungen, Funkmitschnitte und öffentliche Erklärungen von Separatisten verbinden die gesicherten forensischen Beweise mit regulären russischen Militäroperationen. Mehr zur strafrechtlichen Ermittlung hier.

Im Jahr 2018 versuchte Russlands größte Zeitung, Komsomolskaja Prawda, eine weitere „Version“ zu verbreiten und dabei sowohl Beweise als auch Zeugenaussagen zu ignorieren. Laut Komsomolskaja Prawda ereignete sich die Katastrophe wegen einer Bombe an Bord. Die Zeitung schließt:
So ereignete sich die Tragödie also genau zum richtigen Zeitpunkt. Noch ein Boeing-Flug von Malaysia Airlines abgestürzt, gerade rechtzeitig. Und genau am richtigen Ort für die Ukraine.
Eine weitere Fantasieversion, vorgebracht nur, um den Eindruck von „strittigen Punkten“ in der Untersuchung zu erwecken. Die Beweislage ist solide.Keine Bombe ist an Bord des Flugzeugs explodiert.

Die obige Behauptung über eine an Bord des Flugzeugs versteckte Bombe legt nahe, dass die Tragödie für die Ukraine von Nutzen gewesen sei und dass daher nach dem Prinzip „Cui Bono“ – wer profitiert – die Ukraine der Täter sei. Der Abschuss von MH17 sei ein Plan gewesen, Russland zu diskreditieren – eine False-Flag-Operation. Die EUvsDisinfo-Datenbank zur Desinformation enthält eine große Anzahl von Fällen, in denen pro-kremlnahe Medien „die wahren Täter“ hinter MH17 suggerieren: der britische Geheimdienst, die Niederländer, die Amerikaner und die westlichen Eliten. Und natürlich die Ukrainer.
Keine der Behauptungen hat Quellen, die sie stützen. Die tatsächlichen Beweise, die vom Gericht in den Niederlanden behandelt werden, werden ignoriert.
Sieben Jahre des Lügens sind vergangen. Das Gericht in den Niederlanden untersucht die Fakten und wird ein Urteil fällen. Die Wahrheit über die Tragödie von MH17 ist festgestellt worden. Der Kreml wird weiter lügen.