Schadenfreude am Abgrund
Pro-Kreml-Desinformationsakteure haben seit der Wahl von Wolodymyr Selenskyj im Jahr 2019 versucht, ihn zu verleumden, zu delegitimieren und zu demütigen. Wir haben Hunderte von Angriffen gegen ihn und andere Vertreter der Ukraine dokumentiert.
Als US-Präsident Trump und Vizepräsident Vance am 28. Februar öffentlich mit Selenskyj stritten, genossen es die Sprachrohre des Kremls und ihre Handlanger im Desinformationsökosystem erwartungsgemäß, das Treffen bis ins kleinste Detail zu diskutieren. Sie stellten den ukrainischen Präsidenten als ‘drogensüchtig’, ‘wahnhaft’, ‘psychisch instabil’, ‘inkompetent’, ‘korrupt’ und, man glaubt es kaum, als ‘Kokain-Führer’ dar.
Beleidigungen offenbaren den Beleidiger
Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitri Medwedew, nannte Selenskyj einen ‘kokainsüchtigen Clown’ und ‘das undankbare Schwein, das eine harte Ohrfeige von den Meistern des Schweinestalls bekommen hat’. RT-Lügenchefin Margarita Simonjan erklärte, Selenskyj sei ‘zerschlagen, blamiert und auf seinen Platz verwiesen worden, habe sich in den Augen des amerikanischen Volkes selbst zerstört und das Weiße Haus beleidigt’. Sie schlussfolgerte, dass ‘er nun erledigt ist, zurücktreten und sich entschuldigen muss … die ukrainische Delegation wurde vergewaltigt’. In der Zwischenzeit verglich die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa Selenskyj mit einer Figur aus einem sowjetischen Film, die als ‘schwaches, intellektuell unterentwickeltes Wesen’ charakterisiert wird.
Ein Traum wird wahr
Russische staatlich kontrollierte Medien und das Pro-Kreml-Desinformationsökosystem liefen auf Hochtouren, um Selenskyj für das Ergebnis des Treffens verantwortlich zu machen und ihn als respektlos, aggressiv und als Kriegstreiber darzustellen, der nicht bereit ist, den Konflikt zu beenden. Präsident Trump hingegen wurde als Führer gefeiert, der sich für ‘Frieden und Wohlstand’ einsetzt. Das Sputnik-Medium behauptete, die Ukraine sei ein ‘Deep-State-Werkzeug’, um Trump zu zerstören.
Der Kreml macht schon lange die NATO für seine eigene Invasion der Ukraine verantwortlich und träumt davon, das transatlantische Bündnis zu spalten. Daher wurde besonderer Wert darauf gelegt, einen Keil zwischen die USA und andere NATO-Mitgliedern zu treiben, indem behauptet wurde, der diplomatische Vorfall sei ‘von den Europäern inszeniert worden’, insbesondere vom Vereinigten Königreich, das die Ukraine benutze, um seine anti-russische Agenda voranzutreiben. Die Tatsache, dass Selenskyj unmittelbar nach seinem Besuch in Washington an einem Gipfel in London teilnahm, wurde als Beweis für die britische Beteiligung präsentiert.
Reaktionen auf den Londoner Gipfel
Über diesen Londoner Ukraine-Gipfel wurde ebenfalls ausführlich in der russischen Presse berichtet und er wurde von russischen Beamten kommentiert, mit der Hauptbotschaft, dass es sich um eine ‘anti-Trump-Veranstaltung’ handele, dass die EU die Vereinigten Staaten verraten habe und dass es ‘im Western keine Einigkeit mehr zur Unterstützung der Ukraine‘ gibt.
Putins Sprachrohr Peskow kommentierte, dass ‘die neue US-Außenpolitik-Konfiguration weitgehend mit den russischen übereinstimmen.’ Außenminister Lawrow behauptete, dass ‘in den letzten 500 Jahren alle Tragödien der Welt ihren Ursprung in Europa hatten, die Vereinigten Staaten seien nicht der Anstifter gewesen’.
Die EU ist jetzt Teil der Kriegspartei
Pro-Kreml-Medien und Desinformationsakteure stellen nun die EU, das Vereinigte Königreich und andere Länder, die die Ukraine weiterhin bei der Verteidigung gegen die russische Aggression unterstützen, als die ‘Kriegspartei‘ dar, als Hindernisse auf dem Weg zum Frieden, für den Russland angeblich mit den USA zusammenarbeitet. Peskow bezeichnete die Ankündigung der Aussetzung der US-Militärhilfe für die Ukraine als den besten Beitrag zur Friedenssicherung.
Neue Imperien zerlegen Europa
Während Trump gefeiert wird, sind das Vereinigte Königreich, die EU und ihre Führungspersönlichkeiten zu Hauptzielen der Angriffe in Pro-Kreml-Medien geworden. In seiner giftigen Prime-Time-Sendung bezeichnete der Propagandist Wladimir Solowjow die EU als ‘Krebsgeschwür‘ und HRVP Kaja Kallas als ‘feuerspeienden Drachen’.
Er forderte, ‘alle Bastarde, die für EU-Organisationen arbeiten, aus Russland zu werfen‘ und die EU mit Oreschnik-Wunderwaffen zu bombardieren. Seine Gäste drohten mit einer Invasion der EU, falls sie sich offiziell in den Krieg einmische, und sagten, dass ‘Mächte, die es schaffen, neue Imperien zu werden, Europa zerlegen werden‘.
Eurasien war immer im Frieden mit Ozeanien
Russlands plötzliche Behauptung, seine Politik stimme mit der der Vereinigten Staaten überein, ist reine Propaganda, direkt aus Orwells “1984” kopiert. Die Art und Weise, wie russische Beamte und Medien den öffentlichen Streit zwischen Trump und Selenskyj genussvoll aufgriffen, zeigt die selbstverstärkende Natur ihrer Desinformation.
Sie nahmen einen diplomatischen Rückschlag für die Ukraine und verwandelten ihn in ‘Beweise’, die ihre eigenen Narrative über Selenskyj stützen sollten. Die russische Schadenfreude offenbart, wie verzweifelt sie nach externer Bestätigung für ihre Lügen suchen. Dass sie in den Aussagen von Trump und Vance ihre eigenen Propagandapunkte wiederfinden, wurde als Bestätigung gefeiert – trotz der Ironie, dass sie amerikanische Führer in anderen Kontexten oft verurteilen.
Russland läuft die Zeit davon, aber nicht die Lügen
Russische Beamte hoffen, dass das Ende der US-Unterstützung die Ukraine zur Kapitulation zwingt, bevor Russlands eigene Wirtschaft und Kriegsanstrengungen zusammenbrechen. Wie ein Schulhofschläger, der doppelt so laut schreit, wenn ihm die Kraft ausgeht, verstärkt der Kreml verzweifelt jede wahrgenommene Niederlage der Ukraine.
Nach drei Jahren zermürbenden Krieges steht Russland vor erschöpften Reserven an erfahrenen Soldaten, kritischen Ausrüstungsmängeln und internationalen Sanktionen, die seine Wirtschaft langsam erwürgen.
Moskau weiß, dass ihm die Zeit davonläuft und die Ukraine fallen muss, bevor es selbst kollabiert. Dies erklärt die Obsession des Kremls mit der Demütigung Selenskyjs und die fast frenetische Feier jeder wahrgenommenen Uneinigkeit im Westen. Je lauter und bösartiger die Propaganda wird, desto klarer wird, dass der Kreml seine eigene Unfähigkeit fürchtet, diesen Krieg noch lange durchzuhalten.
Lassen Sie sich nicht täuschen.

Weitere Desinformation, die letzte Woche gegen die EU gerichtet war:
Die EU schürt Proteste unter Georgiens Jugend
Pro-Kreml-Desinformation hat westliche Regierungen und insbesondere die EU lange Zeit beschuldigt, ‘Farbige Revolutionen‘ in Russlands Nachbarschaft, insbesondere in Georgien, zu inszenieren. Auch Versuche, EU-Führungspersönlichkeiten zu verleumden, sind weit verbreitet. In diesem Fall wurde angeblich von einem russischen Geheimdienst ‘enthüllt‘, dass die EU-Delegation in Tiflis erhebliche Mittel zur Koordinierung von Demonstrationen erhalten habe, wobei Demonstranten angeblich bis zu 120 Euro pro Tag bezahlt worden seien.
In einem ähnlichen Fall wurde der EU-Botschafter in Tiflis, Paweł Herczyński, fälschlicherweise beschuldigt, ‘an Gewalt während populärer Proteste beteiligt’ und ‘zur Gewalt in der Nähe des georgischen Parlaments aufgerufen’ zu haben. Diese haltlosen Behauptungen suggerierten, dass der Botschafter aktiv gegen die Regierungspartei im Vorfeld der Parlamentswahlen agitierte. Beide Geschichten entbehren jeglicher Beweise. Botschafter Herczyński hat in seinen öffentlichen Stellungnahmen konsequent die Bedeutung demokratischer Werte und der friedlichen Lösung politischer Konflikte betont.
Europa tritt die Redefreiheit mit Füßen, weil es Pro-Kreml-Medien verbietet
Am 24. Februar 2025 beschloss die EU, im Rahmen ihres 16. Sanktionspakets gegen Russland die Sendelizenzen von acht russischen Medien auszusetzen. Diese Verbote sind eine berechtigte Maßnahme zur Bekämpfung ausländischer, staatlich gesponserter Desinformation.
Die Russische Journalistenunion (RUJ) protestierte sofort und nannte die Maßnahme eine ‘Praxis von Verboten und Repressionen gegen unabhängige Medien’. RUJ behauptete, die EU schüre ‘absichtlich eine Informationskonfrontation’ und führe ‘politische Zensur’ unter dem Vorwand des Kampfes gegen ‘Desinformation’ ein. Dabei wurde das Verbot russischer Medien als Bedrohung für Europäer dargestellt, denen angeblich der Zugang zu alternativen Informationen verwehrt werde.
Die Meinungsfreiheit hat jedoch anerkannte Grenzen im internationalen Recht. Politische Brandstifter können sich nicht hinter dem Feigenblatt der ‘Meinungsfreiheit’ verstecken. Die betroffenen Medien wurden als Werkzeuge der russischen Informationskriegsführung dokumentiert, die systematisch Desinformation über Russlands Krieg gegen die Ukraine verbreiten. Pro-Kreml-Quellen berufen sich oft auf Werte wie Pressefreiheit, um Propagandaoperationen vor Rechenschaftspflicht zu schützen, während Russland selbst eines der repressivsten Umfelder für echte unabhängige Journalisten hat.
Die EU könnte bald in völlige Unordnung verfallen
Während sie angeblich Revolutionen anzettelt und Werte mit Füßen tritt, findet die EU angeblich auch noch die Zeit, sich selbst aufzulösen, so zumindest die Darstellung von pro-Kreml-Medien. Insbesondere angebliche Grenzkonflikte zwischen Deutschland und Polen wurden als Beweis für die bevorstehende Desintegration der EU präsentiert. Dies ist eine weitere Variante des ‘Europas Zusammenbruch steht unmittelbar bevor’-Mythos, der in verschiedenen Formaten seit mindestens 1919 verbreitet wird. Diese Geschichte ist auch ein Fall von russischer Projektion. Tatsächlich sind Grenzfragen zwischen Deutschland und Polen bereits seit 1990 geklärt, während Russland versucht, Grenzen durch einen imperialistischen Krieg zu verändern.
Pro-Kreml-Medien haben häufig den Zerfall der EU vorhergesagt – sei es aufgrund der Sanktionen gegen Russland, angeblicher Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der finanziellen EU-Unterstützung für die Ukraine oder der COVID-19-Pandemie.
In Wirklichkeit befürworten die europäischen Bürger eine enge Zusammenarbeit innerhalb der EU. In den Eurobarometer-Umfragen Ende 2024 gaben 79 Prozent der Befragten an, dass sie den Euro als positiv empfinden (siehe mehr zur Eurozone hier), und 69 Prozent empfanden die EU als stabilisierenden Faktor (eine umfassendere Analyse zur EU finden Sie hier.)