Von der Vorschule bis zum Jugendalter: Ausweitung der ideologischen Kontrolle an russischen Schulen
Der Kreml schleust seit Langem Propaganda in das russische Bildungssystem ein, um den „Patriotismus“ der russischen Jugend zu stärken. Putins künftige „Kindersoldaten“ nehmen nicht nur regelmäßig an Flaggenhissungen, dem Singen der Hymne und Treffen mit „Helden“ der „militärischen Sonderoperation“ („SVO“) in der Ukraine teil. Sie beteiligen sich auch am Zusammenbau von Drohnen und anderen Formen militärischer Ausbildung. Neben patriotischen Ritualen indoktrinieren die Behörden russische Schulkinder zudem durch die systematische Umschreibung von Schulbüchern in Geschichte und Sozialkunde. Der Kreml macht keinen Hehl aus seinem Vorhaben, sämtliche Schul- und Hochschullehrbücher an die alternative Realität in Putins Kopf anzupassen.
Die Situation der „patriotischen“ Indoktrination an russischen Schulen wird in dem Oscar-prämierten Dokumentarfilm „Ein Nobody gegen Putin“ (2025) dargestellt. Der im Exil lebende russische Lehrer Pavel Talankin präsentiert darin Filmmaterial, das die kriegsbefürwortende Indoktrination dokumentiert, darunter die direkte Rechtfertigung der Invasion der Ukraine, Schulbesuche von Wagner-Söldnern und Granatenwurfwettbewerbe. Im März 2026 wurde der Film in Russland wegen angeblicher „Propaganda für Extremismus und Terrorismus“ verboten. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Kreml der strikten ideologischen Kontrolle über Bildungseinrichtungen in den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine – dort besuchen mehr als 580.000 Kinder lokale Schulen. Moskau will ukrainische Kinder in den besetzten Gebieten ganz offensichtlich zu „gewöhnlichen Russen“ erziehen.
Ab 2026 wird der Kreml die jüngsten Schulkinder mit Propaganda ansprechen. Die russischen Behörden führen drei neue „patriotische“ Unterrichtsfächer ein: „Gute Spiele“ für Vorschulkinder im Alter von drei bis sieben Jahren, „Meine Familie“ für Schüler der Klassen 1 bis 4 und „Geistige und moralische Kultur“ für Kinder der Klassen 5 bis 7.
Die Kampagnen des Kremls zur ausländischen Informationsmanipulation und Einmischung (FIMI) sind darauf ausgelegt, das Publikum im Ausland zu beeinflussen. Nun richtet der Kreml diese Kampagnen nach innen gegen die am leichtesten beeinflussbare Zielgruppe – mit dem Ziel, aus Dreijährigen „wahre Patrioten“ zu machen.
„Gespräche über wichtige Dinge“: Putins Vorzeige-Indoktrination
Seit dem 1. September 2022 beginnt jede russische Schule die Woche mit einem verpflichtenden patriotischen Ritual, das das Hissen der Flagge und das Anhören der Hymne umfasst. Zur Routine gehört auch das Pflichtfach „Gespräche über wichtige Dinge“, das von der 1. bis zur 11. Klasse unterrichtet wird. Dieses Fach ist das Vorzeigeprojekt des Kremls zur „Förderung von Patriotismus, traditionellen Werten, historischem Gedenken und staatsbürgerlicher Identität“ an Schulen. Für Putin ist dieses Projekt so wichtig, dass er persönlich die erste Unterrichtsstunde hielt.

Putin hält die erste Stunde von „Gespräche über wichtige Dinge“, 1. September 2022, Kaliningrad. Quelle: Profimedia.cz
Während einige Themen unpolitische Bereiche wie Kultur, Hobbys und Wissenschaft behandeln, ist „Gespräche über wichtige Dinge“ zum offensichtlichsten Beispiel für Propaganda im russischen Schulsystem geworden. Der Schwerpunkt des Unterrichts liegt auf der Rechtfertigung von Putins SVO in der Ukraine und der Militarisierung der russischen Jugend. Der Kreml nutzt den Unterricht zudem zur Umsetzung seiner politischen Agenda. So erhielten russische Schüler im September 2025 beispielsweise eine Unterrichtsstunde zum Thema „Russlands digitale Souveränität“, in der für die Nutzung des kremlnahen Messengers Max geworben wurde.
In den Jahren 2025–26 umfasste „Gespräche“ noch offensichtlichere propagandistische Themen wie „Der Held von nebenan“, „Russland – ein Land der Sieger“ und „65 Jahre Weltraumtriumph“.

Beispiel für „Gespräche über wichtige Dinge“: „Ein Held aus der Nachbarschaft: Regionale Veranstaltung zum Tag des Verteidigers des Vaterlandes“. Quelle: Offizielle Webseite von „Gespräche über wichtige Dinge“.
„Gute Spiele“ machen die Vorschule zu einer neuen Arena patriotischer Indoktrination
Im Februar 2026 führten die russischen Behörden das neue Unterrichtsfach „Gute Spiele“ für Vorschulkinder ein. Ab dem 1. September 2026 soll dieser Unterricht „geistige und moralische Werte“ bei Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren fördern. „Gute Spiele“ ist eine Neuauflage des Fachs „Gespräche“ für die jüngsten Schüler. Bereits im Oktober 2024 unterstützte Putin die Idee, „Gespräche über wichtige Dinge“ auch in Vorschulen einzuführen, und bezeichnete diesen Schritt als „ernsthaften Beginn einer großen Aufgabe“.
Oberflächlich betrachtet wirken die Kurse harmlos. Die Kinder spielen, sprechen miteinander und beschäftigen sich kreativ mit ihren Familien und Freunden. Gleichzeitig sind aber auch „patriotische“ Themen Teil des Unterrichts, darunter Narrative über den Tag der Einheit Russlands, russische Helden, historisches Gedenken sowie Botschaften wie „Wir müssen uns zur Verteidigung des Vaterlandes vereinen“ oder „Ich werde nirgendwohin gehen, sondern in meinem Land bleiben“. Darüber hinaus erhalten Eltern Empfehlungen, welche Zeichentrickfilme und Bücher sie mit ihren Kindern ansehen oder lesen sollen. Viele dieser Empfehlungen wirken neutral. Doch künftig könnten russische Eltern aufgefordert werden, mit ihren Kindern „patriotischere“ Spiele zu spielen.
Je nach Auswahl der Unterrichtsmaterialien kann „Gute Spiele“ noch ideologischer werden. So verherrlicht etwa ein Pilotbuch mit dem Titel „Wichtige Gespräche für Vorschulkinder“, das 2025 erschien, russische Siege und Helden mit Beschreibungen von Militärparaden sowie Bildern von Panzern und Schützengräben sowie weiteren militärischen Darstellungen.
„Meine Familie“ erweitert die Kreml-Ideologie auf die Grundschule
Der Kreml wird bald ein weiteres „patriotisches“ Fach für die jüngsten russischen Schulkinder einführen. Ab dem 1. September 2026 werden Kinder der Klassen 1 bis 4 einmal im Monat an dem neuen „freiwilligen“ außerschulischen Kurs „Meine Familie“ teilnehmen. Dort sollen sie etwas über Liebe, die Rolle der Familie in der Gesellschaft und die Liebe zum Vaterland lernen. Zweitklässler werden zudem mit traditionellen russischen Werten wie starken Familien, Patriotismus und historischem Gedenken vertraut gemacht. Der Unterricht soll vermitteln, „wie man in der Gesellschaft lebt und seine Landsleute sowie das Vaterland liebt“. Wie in allen „patriotischen“ russischen Fächern wird der Unterricht vermutlich direkte Bezüge zur SVO und zum Militarismus enthalten.
„Geistige und moralische Kultur“ verankert staatliche Propaganda im Kern der Schulbildung
Ab Januar 2027 werden Schüler der 5. Klasse in ein neues Pflichtfach mit dem Titel „Geistige und moralische Kultur“ aufgenommen. Im Schuljahr 2027/28 soll das Fach auch für Schüler der 6. und 7. Klasse an allen russischen Schulen eingeführt werden. Offizielles Ziel des Fachs ist die Vermittlung einer Weltanschauung auf Grundlage „traditioneller russischer geistiger und moralischer Werte“. Die Kinder sollen das Leben bedeutender russischer Staatsmänner und Helden studieren, darunter auch Teilnehmer der SVO. Bemerkenswert ist, dass dieses Fach den Fremdsprachenunterricht ersetzen wird. Der Kreml zieht es vor, russische Kinder mit Propaganda zu indoktrinieren, statt ihnen Fremdsprachen beizubringen.
Die Einführung dieses Unterrichtsfachs ist ein großer Erfolg für die russisch-orthodoxe Kirche, die diese Initiative in den letzten Jahren vorangetrieben hat. Einer der Autoren des verwendeten Lehrbuchs ist Metropolit Tichon (Georgij Schewkunow), der als Putins persönlicher „Beichtvater“ bekannt ist. Seit den frühen 2000er Jahren begleitet Schewkunow Putin häufig bei Besuchen russischer Kirchen und Klöster. Nach eigenen Worten „berät sich Putin manchmal mit ihm“. Russische Schüler werden also von Putins geistlichem Berater etwas über „Moral und Spiritualität“ lernen. Der Kreml versucht mit aller Kraft, Putins Weltanschauung zur Weltanschauung der Schüler zu machen.