„Wenn es in Frankreich klappt, wird das Ergebnis unvorhersehbar sein.“
Marine Le Pens Besuch in Moskau und ihr Treffen mit Präsident Putin in der vergangenen Woche wurden in Russland so inszeniert, dass klar werden sollte, dass Mme Le Pen Moskaus Favoritin im französischen Wahlkampf ist. Emmanuel Macron hingegen bleibt der Kandidat, den Moskau lieber nicht im Élysée-Palast sehen würde, wie wir auch im Februar unterstrichen. Die Art und Weise, wie diese beiden Präsidentschaftskandidaten von den dominierenden russischen Medien behandelt wurden, unterstreicht sowohl die Präferenzen des Kremls als auch den Grad der Koordinierung zwischen pro-kremlnahen Medien und der offiziellen politischen Kommunikation des Kremls.
Am Montag wurde eine falsche Bezugnahme Emmanuel Macrons auf Französisch-Guayana als Insel zu einer Top-Nachricht im staatlichen Fernsehsender Rossija-1. Russia Today (RT) griff den Vorfall ebenfalls auf, mit der Überschrift „Geh Geografie lernen‘: Das Internet dreht durch wegen des Patzers des Präsidentschaftskandidaten Macron zu Französisch-Guayana“.
Am selben Tag brachte Rossija-1 einen Beitrag mit der schlichten Überschrift „Marine Le Pen kritisiert die EU“. Anfang der Woche stellte NTV in einer Überschrift klar, dass „Marine Le Pen nach ihrem Besuch in Moskau die Führung vor Macron übernommen hat“. Dieser spezielle NTV-Beitrag ist ein gutes Beispiel für den Ton in der pro-kremlnahen Berichterstattung, die das Ende Europas voraussieht: „Europa rückt nach rechts, aber es ist noch nicht gefallen.“Alle Länder verfolgen die Wahlen in ihren Nachbarstaaten mit Interesse und Schrecken […] Als Nächstes ist Frankreich an der Reihe. Das Flaggschiff der europäischen Politik. Wenn es dort klappt, wird das Ergebnis unvorhersehbar sein. Und jetzt sieht es so aus, als würden die rechten Kräfte in Frankreich in der Lage sein, die Nation zu retten. Die Vorsitzende des „Front National“, Marine Le Pen, sagt, was die französischen [Wähler] hören wollen. Sie verspricht, an den Fehlern zu arbeiten: die Migranten hinauszuwerfen, allen Arbeit zu geben und die EU nicht mehr zu füttern“.
In seinem Sonntagnachtprogramm ging Dmitri Kisseljow (auf der Sanktionsliste der EU und Chefpropagandist des Kreml) ebenfalls auf den französischen Wahlkampf ein. Wieder einmal ist der Ton ein wichtiger Motor, um die Propagandabotschaft zu vermitteln. So wurde die im Fernsehen übertragene Debatte zwischen den französischen Präsidentschaftskandidaten beschrieben: „‚Eine Annäherung an Russland ist inakzeptabel‘ – so sagte der proeuropäischste Kandidat, Macron, der zu einem Besuch bei Angela Merkel gereist war, unerwartet. Sein Gerede über Außenpolitik zog sich endlos hin und war typisch für sein junges Alter.Sein Monolog, der voller Widersprüche war, rief unter seinen drei Gegnern sofort sarkastische Bemerkungen hervor“, berichtete das russische Staatsfernsehen .
Unter den eher unabhängigen russischen Medien fiel der Ton deutlich anders aus: Die führende Tageszeitung Kommersant hob in einem Kommentar hervor, dass „russische Medien und Politiker Emmanuel Macron eindeutig nicht mögen“, beruhigte ihre Leser jedoch damit, dass es Propaganda sei, wenn Herr Macron als ein durch und durch antirussischer Politiker dargestellt werde. Die englischsprachige Zeitung Moscow Times warf die Frage auf, inwiefern ein Treffen mit Marine Le Pen für den Kreml nützlich ist, und kam zu dem Schluss, dass „angesichts Le Pens Forderungen nach einem Austritt aus der EU und der Eurozone dies so nahe wie möglich an eine politische Kriegserklärung herankommt, wie Russland es erreichen kann“.