Der Kreml instrumentalisiert die Opferrolle
Mehrere Forschende stellen fest, dass die Rolle des Opfers im modernen öffentlichen Diskurs eine begehrte Position ist. Forschungen verweisen auf dieses Phänomen in der US-Politik, unter Männern, die der sexuellen Belästigung beschuldigt werden – „Ich bin hier das Opfer!“ – sowie als ein Element in den Desinformationsbemühungen des Kremls. EUvsDisinfo hat dies bei mehreren Gelegenheiten beobachtet – hier zum Beispiel oder hier.
Dieser Ansatz wird als „weaponised victimhood“ bezeichnet und in der Forschung etwa wie folgt definiert:
„Weaponised victimhood“ bezieht sich auf ein empfundenes Gefühl des Verlusts von Macht und Ansehen unter sozialen Gruppen, die mit Herausforderungen ihrer traditionell privilegierten Statuspositionen konfrontiert sind.
Eine privilegierte Partei – in diesem Fall Russland, eines der mächtigsten und fortschrittlichsten Länder der Welt – beschreibt sich selbst als ein Opfer von Aggression. Opfersein hat sich zu einem zentralen Bestandteil der Politikgestaltung des Kremls entwickelt. Der russische Staat beschreibt sich als „von unfreundlichen Kräften eingekreist“, während eine „verräterische ‚fünfte Kolonne‘“ den russischen Staat von innen angreife.In der EUvsDisinfo-Datenbank ist dieser Ansatz in den Fällen Litwinenko, Skripal und Nawalny, im Fall MH17, im Fall der öffentlichen Proteste in Russland im Januar 2021 und sogar als Vorwand für Russlands langsamen Impfstoff-Roll-out dokumentiert.
Eines der dreistesten Beispiele dieser Woche für diese Politik der Selbstviktimisierung setzt Russland mit den Juden in Europa in den 1930er Jahren gleich:
Die Haltung des Westens gegenüber Russen heute ähnelt der Behandlung europäischer Juden in den 1930er Jahren. Eine pathologische, bestialische Russophobie hat die westliche Welt ergriffen, die vorgibt, das Leid derjenigen nicht zu sehen, die dafür verfolgt werden, dass sie Russen sind oder Russisch sprechen.
Reductio ad Hitlerum
Der Moderator des staatlichen Radios und Fernsehens, Wladimir Solowjow, nennt keinen einzigen Fall von irgendjemandem, der „dafür verfolgt“ werde, „dass er Russisch ist oder Russisch spricht“. Ebenso wenig kann er diese „pathologische, bestialische Russophobie“ in der westlichen Welt beschreiben. Die Behauptung ist ein Versuch, den Westen zu dämonisieren, statt sich tatsächlich auf ein kritisches Gespräch über die Situation russischsprachiger Minderheiten außerhalb Russlands einzulassen.
Dieser Ansatz wird manchmal als „reductio ad Hitlerum“ bezeichnet.Einer der eifrigsten Leser von EUvsDisinfo hat freundlicherweise das in Katar ansässige Propaganda Analysis Project empfohlen, das das Mittel wie folgt definiert (ein Tippfehler im Originaltext wurde korrigiert):
Ein Publikum dazu zu bewegen, eine Handlung oder Idee abzulehnen, indem suggeriert wird, dass die Idee bei Gruppen beliebt ist, die vom Zielpublikum verachtet werden.
Diese Woche wird das Reductio ad Hitlerum häufig ausgespielt, hauptsächlich gegen die Ukraine gerichtet. Ukrainer seien von Nazi-Ideologie durchdrungen; der ukrainische Präsident Selenskyj – der Jude ist – stütze sein Regime auf den Nazismus; ein Kult der Nazis sei die Ideologie der Ukraine. Die Faschisten in der Ukraine hätten sogar ihr Land den Amerikanern ausgeliefert! Und die Opfer davon seien natürlich die Russen, Opfer eines Völkermords in der Ukraine.

Die Opfer eines Völkermords
In der Ukraine gibt es rechtsextreme Gruppen, wie in jedem anderen europäischen Land auch, doch die extremistischen Bewegungen sind bei jeder Wahl in der Ukraine seit 2014 gescheitert. Die Behauptung eines Völkermords entbehrt jeder Verbindung zur Realität.Völkermord ist ein Konzept mit einer sehr klaren Definition im internationalen Recht – Die UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes (Artikel II):
In der vorliegenden Konvention bedeutet Völkermord jede der folgenden Handlungen, die in der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören:
- a. Tötung von Mitgliedern der Gruppe;
- b. Verursachung schwerer körperlicher oder seelischer Schäden bei Mitgliedern der Gruppe;
- c. Vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe, die geeignet sind, ihre physische Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;
- d. Verhängung von Maßnahmen, die darauf gerichtet sind, Geburten innerhalb der Gruppe zu verhindern;
- e. Gewaltsame Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe.
Wir können feststellen, dass weder Solowyows absurd anmutende Behauptung über die „Notlage der Russen“ noch die häufigen Verweise auf „Völkermord in der Ukraine/den baltischen Staaten“ irgendeine Ähnlichkeit mit der UN-Definition von Völkermord haben.Die Absicht ist erneut nicht, eine Diskussion über die Bedingungen für russischsprachige Minderheiten außerhalb Russlands anzustoßen; die ganze Idee ist, ausländische Regierungen und Einzelpersonen zu dämonisieren.
Pro-Kreml-Medien beschwören häufig George Orwell; so bezog sich die Sprecherin des russischen Außenministeriums in einer Erklärung im Jahr 2017 auf Orwells „1982“. Die meisten von uns sind eher mit Orwells großem Roman Neunzehnhundertvierundachtzig vertraut. Diese Woche übertraf der russische Staatssender RT Orwell an Orwell und behauptete, Demokratie die perfekte Diktatur. Ein Beispiel, das sehr gut zu den drei Slogans in Orwells Roman passt: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.
Weitere skurrile Fälle in dieser Woche
- Nawalny wurde vergiftet, um eine neue antirussische Kampagne zu entfesseln
- Der Westen probt in Belarus einen Schlag gegen Russland
- Kyjiw hat seine Souveränität aufgegeben, nur um Russland zu ärgern
