Desinformation und Zensur: Zwei Seiten derselben Medaille in Russland
Ein Skandal hat Russlands Medienlandschaft erschüttert, nachdem in der vergangenen Woche die Zensur bei einer der führenden privat geführten Tageszeitungen des Landes, Kommersant, öffentlich aufgedeckt wurde.
Die Ereignisse spitzten sich zu, als zwei Journalisten zum Rücktritt gezwungen wurden, nachdem sie einen Artikel verfasst hatten, der Insiderinformationen über bevorstehende Umbesetzungen an der Spitze von Russlands einflussreichsten politischen Kreisen weitergab.
Zensur ist kein Problem, das sich auf Russland beschränkt.Der Fall Kommersant bietet jedoch unmittelbaren Einblick in die besonderen Mechanismen, die es den russischen Behörden ermöglichen, in den Medien ein unkritisches Narrativ zu sichern; dieselben Mechanismen, die Desinformation gedeihen lassen.
Kollegen kündigen aus Solidarität
Wie von Meduza berichtet, begannen die Probleme bei Kommersant mit einem Artikel, den die Zeitung am 17. April veröffentlicht hatte und der auf anonymen Aussagen hochrangiger Quellen in der russischen Regierung beruhte.
Die Nachricht lautete, dass Valentina Matwijenko wahrscheinlich schon bald von ihrem Posten als Vorsitzende des Föderationsrates Russlands, des Oberhauses des Parlaments, zurücktreten wird.
Obwohl der Artikel genehmigt und gedruckt worden war, wurden die beiden Journalisten mehr als einen Monat später gezwungen, ihre Arbeitsplätze zu verlassen.
Nach Angaben von Meduzas Quellen war die Entlassung das Ergebnis einer Einflussnahme seitens des Eigentümers der Zeitung, des Oligarchen Alischer Usmanow.
Kurz darauf kündigten 11 Kollegen der beiden Journalisten aus der politischen Redaktion aus Protest, ebenso wie Kommersants stellvertretender Chefredakteur.
Nicht das erste Mal
Es ist nicht das erste Mal, dass ein Fall von Zensur russische Journalisten, die für ein privates Medienunternehmen arbeiten, dazu veranlasst hat, kollektiv zu kündigen – als Akt der Solidarität mit Kollegen.
Im Jahr 2014 war das journalistische Personal bei der hochDie populäre Online-Nachrichtenplattform Lenta trat aus Solidarität mit ihrer Chefredakteurin Galina Timtschenko zurück, die nach der Berichterstattung des Mediums über die Ereignisse in der Ukraine entlassen worden war.
Frau Timtschenko und ihr Team entschieden sich für ein kollektives Exil in Riga, Lettland, wo sie die inzwischen erfolgreiche Online-Nachrichtenplattform Meduza gründeten, die auch eine Ausgabe auf Englisch hat.
Russland hat zudem andere Formen von Repressionen gegen die Berichterstattung erlebt; darunter Mord-fälle; Drohungen gegen Journalistinnen und Journalisten; Druck auf Eigentümer und deren geschäftliche Aktivitäten.
Risse im System der Medienkontrolle
Der Kommersant-Vorfall hat Risse im System der Medienkontrolle aufgezeigt, das die russischen Behörden ansonsten bis zur Perfektion zu kultivieren versucht haben: Manager der führenden Medien werden wöchentlich in den Kreml einbestellt und erhalten Anweisungen zu notwendigen Narrativen und den roten Linien des Kremls.
Nicht nur Manager staatlicher Medien, sondern auch Eigentümer privater Medien werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Berichterstattung diese Linien nicht überschreitet.
Im Fall von Kommersant jedoch stellte sich heraus, dass das System der präventiven Zensur nicht funktionierte; die wöchentlichen Anweisungen des Kremls hatten die Arbeit der Kommersant-Journalistinnen und -Journalisten nicht vorhersehen oder stoppen können.
Zensur undDesinformation
Die Geschichte beantwortet auch indirekt die Frage, wie staatlich kontrollierte Desinformation in Russland möglich werden konnte.
Wenn ein Medienumfeld vonseiten der Behörden unter derart hartem Druck steht, stößt manipulierte Berichterstattung im Dienste staatlicher Interessen weniger wahrscheinlich auf erheblichen Widerstand durch eine widerstandsfähige journalistische Gemeinschaft.
Gesellschaften wie die Russlands mit wenig Demokratie und schwachen Medien neigen dazu, Zensur und Desinformation als zwei miteinander korrelierende Probleme zu betrachten.
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Die doppelten weißen Linien des russischen Journalismus
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Titelbild: Bill Kerr/Flickr