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Die doppelten weißen Linien des russischen Journalismus

Rote Flüssigkeit tropft von weißen horizontalen Streifen auf grauem Hintergrund (Von KI generierte Beschreibung)
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In Russland werden die „roten Linien“, die die Grenzen dessen definieren, was Journalisten schreiben oder sagen können, oft als die „doppelten weißen Linien“ bezeichnet. Wie im Straßenverkehr gilt: Wenn Medien die doppelten weißen Linien überqueren, bringen sie sich in Gefahr und können bestraft werden.

Nowaja Gaseta vs.die Trolle

Vor zwei Wochen beschrieben wir, wie die unabhängige russische Zeitung Novaya Gazeta mit Schikanen und Einschüchterung ins Visier genommen wurde – im Vorfeld der Veröffentlichung ihrer Recherche zu einer Reihe von Giftanschlägen und der Tötung eines kremlkritischen Bloggers.

Nach Angaben der Quellen der Zeitung wurden diese Angriffe von einem Spezialteam im Sicherheitsdienst von Jewgeni Prigoschin, dem Besitzer der „Trollfabrik“, durchgeführt, der im Volksmund als „Putins Koch“ bekannt ist.

Die Grenzen, die Novaya Gazeta in diesem Fall überschritten hatte, waren mit anderen Worten nicht die der Regierung, sondern die einer privat geführten Organisation mit engen Verbindungen zu den russischen Behörden, die bereits dafür bekannt ist, die Desinformationsagenda der Regierung durch Online-Trolling zu unterstützen.

Verleumdung und Fake News

Die Bestrafung dafür, dass Novaya Gazeta diese Grenzen überschritten hatte, nahm die Form von einem Trauerkranz mit dem Namen des Journalisten hinter der Recherche und einem abgetrennten Ziegenkopf an, die in die Redaktion von Novaya Gazeta geliefert wurden.

Weißer Blumenkranz stehend neben Korb und Wasserspender (Von KI generierte Beschreibung)

Novaya Gazeta erhielt einen Trauerkranz und einen abgetrennten Ziegenkopf, adressiert an den Chefredakteur und den Journalisten hinter den Recherchen.Bild von Novaya Gazeta.

Die Zeitung gab eine Erklärung ab, nachdem sie diese Drohungen erhalten hatte und nach der Welle der Schikanen, die sie nach Berichten über die russische militärische Beteiligung in Syrien erlebt hatte.

Die Erklärung der Zeitung benennt Desinformation, Trolling und die Schikanierung von Journalistinnen und Journalisten eindeutig als Teile eines Problemkomplexes.

ERKLÄRUNG DER REDAKTION VON NOVAYA GAZETA

Verleumdung ist in unserer Zeit eine gefährliche Waffe. Verleumdung und Falschmeldungen führen zu Krieg, Mord und Angriffen auf Personen des öffentlichen Lebens sowie auf Journalistinnen und Journalisten.

Die Menschen, die die Kampagne gegen Novaya Gazeta und ihre Journalistinnen und Journalisten in den sozialen Medien entfesselt haben, sind sich der Konsequenzen dieses Geschreibsels in einer Atmosphäre der Hysterie und des Hasses, die in Russland ein beispielloses Ausmaß erreicht hat, sehr wohl bewusst.

Besonders widerlich ist es, wenn eine dreiste Lüge die Grundlage einer „Welle der Volksentrüstung“ bildet.

Die Behauptungen, Novaya Gazeta habe angeblich Daten über russische Piloten veröffentlicht, die in Syrien kämpfen, wodurch ihre Familien in Gefahr geraten seien, sind schlichtweg erfunden.Wir hatten zu diesem Thema keinerlei Veröffentlichungen, weder in der Zeitung noch auf der Website.

Doch diese Lüge, die von Trollen und den Kommentaren einiger „Meinungsführer“, die entweder gekauft wurden oder in einem dubiosen Schema benutzt wurden, immer wieder bekräftigt wird, stellt eine reale Gefahr für Journalistinnen und Journalisten dar.

Im Internet wird zu körperlicher Bestrafung von Journalistinnen und Journalisten aufgerufen; in unsere Redaktion werden unheimliche „Geschenke“ gebracht, die den Tod bestimmter Menschen symbolisieren.

Wir haben nicht die Absicht, dies zu tolerieren, zumal wir uns sehr gut vorstellen können, woher die Bedrohung kommt.

Wir haben nur zwei Waffen: Öffentlichkeit – und deshalb setzen wir unsere Arbeit fort; und das Gesetz. Das Innenministerium und andere Strafverfolgungsbehörden sind verpflichtet, alles zu tun, damit uns das Gesetz schützt.

Wir fordern, dass diese Drohungen untersucht und die Verantwortlichen bestraft werden.

Desinformation und Einschüchterung ausgelagert

In Russland wird die Verbreitung von Desinformation durch Anweisungen aus dem Kreml unterstützt: ein Narrativ, das nach unten durchsickert durch die Medienorganisationen, die von den Behörden kontrolliert werden und ihnen loyal sind.

Ein Teil der Drecksarbeit wird jedoch von privaten Akteuren mit engen finanziellen Verbindungen zu den Behörden erledigt.

Wie der Fall der Novaya Gazeta nahelegt, können die Sanktionen gegen russische Journalistinnen und Journalisten, die das Narrativ missachten und „doppelte weiße Linien“ überschreiten, ebenfalls von privaten Akteuren durchgeführt werden.

Wenn Journalismus auf diese Weise durch Einschüchterung und Repressionen kontrolliert wird, haben staatlich kontrollierte und staatstreue Desinformationen deutlich mehr freien Spielraum, und ihre Wirkung auf die Gesellschaft wird größer.

Die Erklärung der Novaya Gazeta erinnert uns daran, dass der Kampf gegen Desinformation auch ein Kampf für freie und unabhängige Medien ist.

Weiterführende Lektüre:

Desinformation und die Drecksarbeit

Russische Journalistinnen und Journalisten wehren sich gegen Desinformation

Vier Faktoren, die die Pressefreiheit in Russland beeinflussen

 

RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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