Fake-Video: Wie kremlfreundliche Medien die Ukraine zu beschuldigen versuchten, auf Migrierende zu schießen

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Sie kennen die Bilder vielleicht aus Videospielen oder einem Thriller: Aufzeichnungen einer Infrarotkamera zeigen eine Menschenschlange, die sich langsam durch ein dunkles Gelände bewegt und plötzlich angegriffen und beschossen wird. Am Ende liegen regungslose Körper am Boden …

Kremlfreundliche Desinformationskanäle haben solche Aufzeichnungen aus den Tiefen des Internets ausgegraben und verbreitet, um zu behaupten, dass ukrainische Grenzposten eine Gruppe illegaler Migrierender, die von Belarus durch die Sperrzone von Tschernobyl in die Ukraine gelangen wollten, angegriffen und getötet haben.

Solche Beschuldigungen ähneln früheren Bemühungen, Polen und Litauen die unmenschliche Behandlung von Migrierenden anzukreiden, und müssen im Zusammenhang der laufenden Instrumentalisierung von Migrierenden durch das Lukaschenko-Regime und den militärischen Ausbau Russlands an der Grenze zur Ukraine betrachtet werden.

Die ukrainischen Behörden haben das Video als gefälscht entlarvt.

Das Video und die Verbreitung

Das Video erschien erstmals am 1. Dezember 2021 auf Facebook und wurde von dem Konto von Herrn Vasili Rumak geteilt (die Aufzeichnungen selbst wurden auf den 29. November datiert). Der Inhaber dieses Facebook-Kontos wendete sich später mit einem exklusiven Kommentar an das Ukrainische Zentrum für strategische Kommunikation und Informationssicherheit und behauptete, er habe das Video nicht gepostet, sein Konto sei gehackt worden und er habe keinen Zugang mehr.

Das Video verbreitete sich auf russischen Kanälen in den sozialen Medien, direkt nachdem es auf Facebook erschien: Es wurde vom Telegram-Kanal Охранитель (Rus: Wächter) geteilt, dann von diesem Telegram-Kanal erneut gepostet, vermutlich von einem RT-Journalisten oder einer RT-Journalistin, und landete letztendlich weniger als eine Stunde nach dem ersten Auftauchen auf dem Telegram-Kanal von Sputnik Belarus. Kopien des Videos wurden über Telegram, VKontakte und Odnoklassniki verbreitet. Auch mehrere russische YouTube-Kanäle luden es erneut hoch.

Von dort aus war es nur noch ein kleiner Schritt zu den großen kremlfreundlichen Kanälen, wie der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti, welche „Medienberichte“ zitierte und von der angeblichen Hinrichtung der Migrierenden durch ukrainische Grenzposten berichtete.

Solche Nachrichten verbreiten sich weit im russischsprachigen kremlfreundlichen Medienökosystem, erscheinen auf Verstärkerseiten wie RIA FAN, SouthFront, Donbass Insider sowie auf mehreren anderen Desinformationskanälen.

Die Hackerangriffe

Zu diesem Versuch, die Ukraine als grausam und unmenschlich gegenüber Migrierenden darzustellen, gehörten auch Cyber-Elemente. Die Geschichte wurde sorgsam auf gehackten ukrainischen Websites platziert, bevor sie in den sozialen Medien auftauchte. Diese wurden dann als Referenz für Stichhaltigkeit zitiert.

Am 2. Dezember meldete die regionale Nachrichtenseite Zhitomir News, dass sie gehackt wurde und dass beim Angriff ein paar Tage zuvor ein Artikel veröffentlicht wurde, der einen gefälschten Screenshot der offiziellen Seite des ukrainischen staatlichen Grenzschutzdienstes enthielt.

Gefälschter Screenshot der Website des staatlichen Grenzschutzdienstes auf Zhitomir News platziert.

Der Screenshot zeigt angeblich einen Artikel vom 29. November (laut dem Video geschah der Angriff an diesem Tag), in dem die ukrainischen Behörden den Vorfall an der Grenze „zugeben“. Dieser Artikel wurde natürlich nicht am 29. November (oder irgendeinem anderen Tag) auf der Website des Grenzschutzdienstes veröffentlicht. Anscheinend wählten die Hacker ein einfacheres Ziel wie die kleine Website Zhitomir News, anstatt ein offizielles Regierungsportal ins Visier zu nehmen.

Die nichtstaatliche Medienaufsichtsbehörde Detector Media berichtete, dass ihre Website gehackt wurde. Dabei wurde ein Artikel vom 29. November mit einer erfundenen Geschichte über den Grenzvorfall ausgetauscht, einschließlich einer auffallenden Schlagzeile über eine angebliche Machtergreifung, die auf ukrainische Geschäftsmänner und Politiker hinweist.

Screenshots der platzierten und erfundenen Geschichten kursierten in einigen russischsprachigen Online-Kanälen, die den „Vorfall“ erwähnten, sowie auf zahlreichen Kanälen in sozialen Medien.

Das Verhaltensmuster

Die Verbreitung des Fake-Videos folgt einem bereits bekannten Muster der Informationsmanipulation durch kremlfreundliche Medien. Zuerst das Hacken einiger Websites als Grundlage für die erfundene Geschichte. Die platzierten gefälschten Screenshots sollten als unterstützendes Material („Medienberichte“) herhalten, um dieser Fälschung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dann die Verbreitung der Inhalte über mehrere Plattformen in sozialen Medien in der Hoffnung, dass die Geschichte genug Aufmerksamkeit in verschiedenen Medien erhält. Und zuletzt die Verstärkung der Geschichte über große, kremlfreundliche Medienkanäle (die auf die vorherigen „Medienberichte“ verweisen).

Es ist schwierig, die Reichweite und Auswirkungen dieses Versuchs zur Diffamierung der Ukraine einzuschätzen. Es ist jedoch eindeutig, dass sie auf mehreren Plattformen der sozialen Medien (Facebook, Telegram, VK, OK, YouTube), bedeutenden russischen staatlich kontrollierten Nachrichtenagenturen sowie mehreren kremlfreundlichen Medienkanälen auf Russisch, Englisch und Französisch erschien. Vorläufige Berechnungen zeigen, dass das Video über 200 000 Mal auf VKontakte, Odnoklassniki und YouTube angeklickt wurde und über 400 Mal auf verschiedenen Blogs, in Foren und Online-Medien erwähnt wurde.

Das Kommunikationsmuster

Die Ukraine ist schon lange ein bedeutendes Ziel kremlfreundlicher Desinformation. Das Aufkommen solcher Desinformationsnachrichten ist also keine Überraschung, sondern eher erwartet. Bisher haben kremlfreundliche Medien hochemotionale (und manipulierte) Inhalte eingesetzt, um ihr Publikum gegen die Ukraine aufzubringen.

Insbesondere dieses Video muss im Zusammenhang mit dem militärischen Ausbau Russlands an der Grenze zur Ukraine und der Instrumentalisierung der Migration durch das Lukaschenko-Regime betrachtet werden.

Die Botschaft des Videos – die angebliche Grausamkeit der ukrainischen Grenzposten gegenüber Migrierenden – gleicht den pro-Lukaschenko- und kremlfreundlichen Desinformationsnarrativen, welche die EU als unmenschlich in der Behandlung der Migrierenden darstellen. Es folgt eine lange Reihe an Bemühungen des Kreml, die Ukraine als aggressiv, militant und ohne Respekt für Menschenrechte – oder Menschenleben – darzustellen in dem Versuch, das eigene aggressive Handeln zu rechtfertigen.

 

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RECHTLICHER HINWEIS

Bei den Fällen in der EUvsDisinfo-Datenbank geht es um Aussagen im internationalen Informationsraum, die als parteiische, verzerrte oder falsche Darstellung der Realität und als Verbreitung von kremlfreundlichen Kernbotschaften identifiziert wurden. Daraus folgt nicht zwangsläufig, dass die betroffenen Medien Verbindungen zum Kreml haben oder den Kreml redaktionell unterstützen oder dass sie absichtlich Desinformation verbreiten wollten. Die Veröffentlichungen von EUvsDisinfo stellen keine offizielle Position der EU dar, da die präsentierten Informationen und vertretenen Meinungen auf Medienberichten sowie Analysen der East StratCom Task Force basieren.

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