Moralische Migration auf die Krim
„Europäer suchen in Russland Zuflucht vor aggressiver Sexualerziehung, homosexueller Diktatur und Jugendjustiz“, so wurden Leser informiert in der vergangenen Woche von Life, einem privat geführten russischen Online-Nachrichtenportal.
Der Kommentar behauptet außerdem, die Krim sei das bevorzugte Ziel dieser „nicht-ökonomischen Flüchtlinge“, wie der Autor sie bezeichnet.
Eine Migrationsgeschichte über Moral-Migranten
Um die Behauptung über die angeblichen Moral-Migranten zu untermauern, wird ein lokaler Politiker auf der Krim mit den Worten zitiert, die Halbinsel habe „kürzlich 1.500 Anfragen allein aus Deutschland erhalten.“
Eine schnelle Recherche zur Herkunft dieser Zahl führt uns zurück zu einem RIA Novosti-Bericht aus dem Jahr 2015.Die Zahl ist später unter anderem in Berichten von RTs russischem Dienst und TV Zvezda wieder aufgetaucht.
Allerdings scheint es keine andere Quelle für die Informationen über die vielen Appelle aus Deutschland zu geben als die Erklärung, die dieser spezielle krimtatarische Politiker 2015 gegenüber RIA abgegeben hat; und offenbar hat niemand die Zahl jemals überprüft.
Loyalität gegenüber der Kreml-Linie
Der Autor von Lifes Beitrag zeigt ein beeindruckendes Maß an Loyalität gegenüber den Narrativen des Kreml, indem es ihm gelingt, in einem kurzen Text nicht nur ein, sondern zwei unterschiedliche Desinformationsnarrative unterzubringen.
Eines dieser Narrative besteht darauf, dass die Krim unter Europäern breite Anerkennung als Teil Russlands genießt, zum Beispiel wenn staatliche Medien Besuche auf der Krim durch NGO-Gruppen oder Privatpersonen so darstellen, als handele es sich dabei um offizielle Vertreter ihrer Länder.
Das andere Narrativ ist die Darstellung Europas als in moralischem Verfall zerfallend.Diese Erzählung fördert Geschichten über Tierbordelle in Dänemark; über Europa als „das Königreich der Schwulen;“ Anschuldigungen, dass Pädophilie „ein europäischer Wert“ sei und sogar eine nationale Familientradition in einem bestimmten europäischen Land.
Weiterführende Lektüre:
Desinformation im Jahr 2018: Zwölf peinliche Momente