Boris Nemzow: die Tötung eines Mannes, sein Andenken und die Wahrheit
Vor drei Jahren, am 27. Februar 2015, wurde einer der beliebtesten russischen Oppositionsführer – der ehemalige Gouverneur der fünftgrößten Stadt Russlands, Nischni Nowgorod, der ehemalige russische Vizepremierminister und Favorit von Präsident Jelzin, Boris Nemzow – mit vier Schüssen in den Rücken erschossen, als er eine Brücke überquerte, nur wenige hundert Meter vom Kreml entfernt.
Bislang hat die Untersuchung des Verbrechens den Schützen, einen ehemaligen Offizier der russischen Sicherheitskräfte, und seine engsten Komplizen identifiziert; die Mörder haben Verbindungen zum tschetschenischen Führer und russischen Politiker Ramsan Kadyrow, einem erklärten Feind Nemzows.
Trolle angewiesen, der russischen Opposition die Schuld zu geben
Es wurden verschiedene Versuche unternommen, die Aufmerksamkeit des Publikums von der tschetschenischen Spur abzulenken. Dabei kamen unterschiedliche Methoden zum Einsatz, darunter Trolling und erfundene Mediengeschichten. Wir haben auch Desinformationskampagnen gesehen, die alternative Erklärungen verbreiteten und in unterschiedliche Richtungen wiesen.
Ljudmila Sawtschuk, eine russische Investigativjournalistin, die undercover in der Trollfabrik in St.Petersburg, berichtete der New York Times, dass nach der Ermordung Nemzows „sie und ihr gesamtes Team in die Abteilung versetzt wurden, die Kommentare auf den Websites russischer Nachrichtenmedien hinterließ, und angewiesen wurden, vorzuschlagen, dass die Opposition selbst den Mord inszeniert habe“.

Mitarbeiter in der „Trollfabrik“ in St. Petersburg, Russland, wurden angewiesen, Desinformation zu verbreiten, die nahelegt, dass die russische Opposition selbst schuldig am Tod des Oppositionsführers Boris Nemzow sei.
Medien angewiesen, die Ukraine verantwortlich zu machen
Zum Zeitpunkt des Attentats bereitete Boris Nemzow einen Bericht über die aktive Beteiligung des Kremls am ukrainischen Konflikt vor, der später veröffentlicht wurde. Seitdem ist die Ukraine zum vorherrschenden Ziel einer Desinformationskampagne geworden, wobei die Schuld für Nemzows Ermordung ukrainischen Oligarchen und Behörden zugeschrieben wird, in Veröffentlichungen von z. B.das staatseigene internationale Propagandaorgan Sputnik und von Komsomolskaya Pravda, Russlands größter Tageszeitung.
Dass Propagandanarrative in kremltreuen Medien einer zentralen Koordinierung seitens der Behörden unterliegen, das sogenannte „Temnik“-System, wurde durch Whistleblower, die aus dem Inneren russischer Medienorganisationen hervorgetreten sind, bestätigt.
Das Ziel ist, zu verwirren
Manchmal wird Desinformation taktisch eingesetzt: Das Ziel ist dann, ein Publikum in dem Glauben zu lassen, dass etwas, das wahr ist, nicht wahr ist, oder umgekehrt. Häufiger ist Desinformation jedoch eine strategische Maßnahme, deren letztendliches Ziel nicht darin besteht, einer bestimmten „Wahrheit“ Glaubwürdigkeit zu verleihen; eine solche Operation sorgt vielmehr dafür, unterschiedliche Narrative zu verbreiten, die einander widersprechen, um die öffentliche Meinung in einen Zustand grundlegender Verwirrung zu versetzen.Der ultimative Erfolg ist erreicht, wenn das Publikum zu glauben beginnt, dass sie niemals die Wahrheit erfahren werden über ein bestimmtes Ereignis.
Wenn zum Beispiel die pro-kremlische Desinformationskampagne uns glauben machen kann, dass es niemals Klarheit darüber geben wird, wer Flug MH17 über der Ostukraine im Juli 2014 abgeschossen hat, dann dient dies dem Ziel, die Täter zu schützen, und bringt das Publikum dazu, das Vertrauen in die Wahrheit als etwas zu verlieren, das erreichbar ist.
Dasselbe lässt sich über die Art und Weise sagen, wie die pro-kremlische Desinformationskampagne den Mord an Boris Nemzow behandelt hat: Zuerst wird Nemzow ermordet; danach wird die Hoffnung, dass die Wahrheit über seinen Tod gefunden wird, durch Trolling und Desinformation in Medien zerstört.Und schließlich tun die Behörden ihr Bestes, um die Erinnerung an Boris Nemzow selbst zu vernichten; zum Beispiel indem sie systematisch die Blumen entfernen und die Dekorationen zerstören, die russische Bürger bis zum heutigen Tag am Tatort vor dem Kreml niederlegen.
Klicken Sie auf das Video, um zu sehen, wie Blumen und Dekorationen gewaltsam von der Brücke entfernt werden, auf der Boris Nemzow getötet wurde, nur wenige hundert Meter vom Kreml entfernt
Weiterführende Lektüre:
Staatsfernsehen in Russland als Waffe gegen die Opposition
KOMMENTAR: Mittel, Ziele und Folgen der kremlfreundlichen Desinformationskampagne
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