Journalistische Proteste gegen Desinformation
Moskau protestiert. Gegen den Machtmissbrauch. Für freie und faire Wahlen.
Ein globales Publikum schaut sich verstörendes Filmmaterial der physischen Niederschlagungen der Demonstrierenden durch die russische Regierung an.
Ein paralleler Konflikt zwischen den Behörden und der Zivilgesellschaft hat sich in Russlands Mediensphäre abgespielt. Hier haben unabhängige Journalistinnen und Journalisten und Medien die Welle der Desinformation, die gegen die Protestbewegung gerichtet wurde, infrage gestellt.
TV Rain
Eines dieser Medien ist TV Rain, das Fernsehen online ausstrahlt. TV Rain hat Live-Berichterstattung über die Proteste in Moskau angeboten. Darüber hinaus hat der Sender eine ganze Folge seines wöchentlichen Anti-Desinformationsprogramms, Fake News, dem Beschreiben und Widerlegen pro-kremlischer Desinformation über die Proteste gewidmet.
Einen der Fälle, die TV Rain behandelt hat, ist ein von NTV gezeigter Brief, einem Sender, der dem staatlich kontrollierten Gazprom gehört (siehe oben). In diesem Brief drohen anonyme Strafverfolgungsbeamte Russinnen und Russen mit körperlicher Bestrafung, falls sie persönliche Informationen über Beamte oder deren Familienangehörige veröffentlichen. In NTVs Bericht wird kein Nachweis für die Echtheit des Briefes geliefert.Die Geschichte ist eindeutig darauf ausgelegt, Angst zu schüren und dadurch Russen davon abzuhalten, die Politik der Regierung in Frage zu stellen und ihre verfassungsrechtlich geschützte Freiheit der friedlichen Versammlung zu nutzen.
TV Rain’s Fake News Sendung hebt außerdem einen Fall hervor, in dem der staatliche TV-Sender Rossiya 1 Aufnahmen einer Razzia bei der NGO des Oppositionspolitikers Alexey Navalny, der Anti-Corruption Foundation, zeigte. In diesem Video tragen die Ermittler, die die Razzia durchführen, Masken, um ihre Gesichter zu verbergen; in der Berichterstattung von Rossiya 1 werden die maskierten Personen jedoch als Mitarbeiter der Anti-Corruption Foundation
präsentiert. https://www.instagram.com/p/B0_HPU7DJHz/?igshid=1cz33gu2vrexv
“Pozor” bedeutet auf Russisch „Schande über euch“: Ein von TV Rain veröffentlichtes Video zeigt, wie unpopulär das Staatsfernsehen bei den Demonstrierenden ist. Klicken Sie, um zu sehen, wie ein Reporter von Rossiya 1 bei der Kundgebung am 10. August empfangen wurde.
Meduza
Von seinem Sitz in Riga, Lettland, aber mit einem Netzwerk von Korrespondenten, die in Russland vor Ort arbeiten, einschließlich Moskau, hat das Online-Nachrichtenportal Meduza den russischen Zuschauern ebenfalls eine unabhängige Berichterstattung über die Proteste angeboten.
In einem separaten Artikel beschreibt Meduza, wie die russischen Behörden die Medien, die sie kontrollieren, genutzt haben, um das Narrativ über die Proteste zu lenken.Der Artikel, der auch auf Englisch verfügbar ist, überprüft eine ganze Reihe von „Lügen und logischen Fehlschlüssen“, die vom russischen Staatsfernsehen in seiner Berichterstattung über die Proteste verbreitet wurden.
Zu den von Meduza hervorgehobenen Manipulationen gehören die Behauptungen, der Protest sei absichtlich als Spaziergang durch die Stadt getarnt worden; Polizeibeamte hätten „vorsichtig“ gehandelt; Demonstrierende hätten Polizeibeamte geschlagen und Flaschen auf sie geworfen; die Kandidaten, für die die Demonstrierenden zur Unterstützung marschiert seien, hätten gefälschte Unterschriften auf ihren Petitionen eingereicht; eine beträchtliche Zahl unabhängiger Kandidaten werde letztlich doch zur Wahl für die Moskauer Stadtduma zugelassen; und westliche Regierungen ergriffen härtere Maßnahmen gegen Demonstrierende als Russlands Behörden.Lesen Sie Meduzas Artikel auf Englisch hier.
Das wahre Russland, heute: Das in Riga ansässige Meduza produziert Nachrichten und aktuelle Berichterstattung aus Russland sowohl auf Russisch als auch auf Englisch.
The Insider
Mit einem eigenen Abschnitt auf seiner Website namens „anti-fake“ ist The Insider eine der führenden Quellen Russlands, um pro-kremlsche Desinformation zu entkräften.
In diesem Abschnitt stellt The Insider eines der zentralen Narrative in der pro-kremlschen Desinformationskampagne infrage, nämlich dass die Proteste in Moskau das Ergebnis ausländischer Einmischung sein sollten.
Ein Beispiel für diese Theorie einer ausländischen Verschwörung erschien am 4. August in der Talkshow des Chefpropagandisten Wladimir Solowjow auf dem staatlichen Fernsehsender Rossija 1. In einem Interview mit der Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa, beschuldigte sie die US-Botschaft in Moskau der „Beteiligung“ an den Protesten durch eine Ankündigung von Ort und Zeit des nicht genehmigten Marsches.Wie The Insider zeigt, war die Ankündigung der Botschaft in Wirklichkeit eine Warnung an US-Bürger in Moskau vor dem Risiko von Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrierenden in dem Teil Moskaus, in dem der Marsch voraussichtlich stattfinden sollte.
Anti-Fake: The Insider entlarvt das pro-kremlnahe Desinformationsnarrativ über die Proteste als Ergebnis ausländischer Einmischung.
Ähnlich beschuldigte Frau Sacharowa Deutschlands öffentlich-rechtlichen Auslandssender Deutsche Welle (DW) der „Einmischung“: Der russische Dienst der DW hatte Aussagen beliebter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, des YouTubers Juri Dud’ und des Rappers Oxxxymiron, zitiert, dass sie planten, an dem Marsch teilzunehmen, und Follower sowie Fans aufgerufen, sich ihnen anzuschließen, berichtet The Insider . Darüber hinaus hatte DW einen Nachrichtenbeitrag veröffentlicht, der einen Tweet von Oppositionsaktivisten enthielt, der die Route des geplanten Marsches zeigte. Um zu veranschaulichen, was manche als Doppelmoral der russischen Regierung ansehen würden, hebt The Insider außerdem Beispiele für Fälle hervor, in denen der französische Kanal von RT detaillierte Informationen über Zeitpunkt und Ort geplanter Gelbwesten-Proteste in Frankreich veröffentlicht hat.
Staatsmedien auf ihrem Heimatboden herausgefordert
Russische Behörden haben versucht, die aktuelle Krise mit einem Desinformations-ABC-Ansatz zu bewältigen: Entfremden. Herabsetzen. Kriminalisieren.Wie der Fall von NTV zeigt, sollte der Buchstabe D zu deter hinzugefügt werden: Desinformation kann eingesetzt werden, um Angst zu schüren und damit als Mittel zu dienen, das Verhalten einer kritischen Öffentlichkeit zu kontrollieren.
ABC und D: Die Desinformationsstrategie der russischen Behörden gegen die Protestierenden bestand darin, sie zu entfremden, herabzusetzen und zu kriminalisieren – und Bürgerinnen und Bürger davon abzuschrecken, ihre Meinung zu äußern.
Dennoch ist dieser Vorstoß seitens der Behörden, die Situation mittels Desinformation unter Kontrolle zu bringen, auf Gegenwehr durch Medien außerhalb der Kontrolle der Behörden gestoßen, die ihre Arbeit weiterhin in den verbliebenen Sauerstofftaschen von Russlands schrumpfendem Raum freier Medien leisten.
Unabhängige russische Journalistinnen und Journalisten zeigen damit, wie traditionelle journalistische Tugenden eine koordinierte, globale und staatlich geförderte Desinformationskampagne herausfordern können – sogar auf dem Heimatboden dieses Staates.
Weiterführende Lektüre:
TV Rain
Russisches unabhängiges Fernsehen vs.Kreml-TV: 3-0
Augenzeuge oder Schauspieler? Für Gazprom TV ist das alles dasselbe
Repressionen gegen russische Medien: Die Geschichte geht weiter
Meduza
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Desinformation und Zensur: Zwei Seiten derselben Medaille in Russland
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Oberes Bild: Bildschirmfoto aus TV Rains Berichterstattung über NTV.