RT und was 1917 passiert ist
Je näher der Jahrestag der Oktoberrevolution von 1917 rückt, desto deutlicher wird, dass der Kreml beschlossen hat, seinem Pool loyaler Medien keine klare Erzählung darüber zu liefern, was 1917 passiert ist. Ohne die Leitlinien, die sie gewöhnlich erhalten, haben pro-kremlische Medien Schwierigkeiten, die Geschichte der Ereignisse in Petrograd vor 100 Jahren zu erzählen.
Nur RT, das internationale Propaganda-Flaggschiff des Kreml, hat ein Medienprodukt geliefert, das die Revolution in umfassender Weise darstellt. Warum ist es so, dass Russlands ambitioniertestes Kommunikationsprojekt über die Revolution von 1917 ausgerechnet das ist, das sich an Ausländer richtet? Und was sagt uns das über die Differenzierung zwischen interner und externer Kreml-Propaganda?
Lernen Sie „Joe Stalin” kennen
RTs 1917-Projekt beeindruckt mit kunstvoll gestalteten visuellen Dekorationen, stark inspiriert von der russischen Avantgarde-Kunst aus der Zeit um die Revolution herum. Offenkundig versucht das Projekt, westliche Zielgruppen anzusprechen, die die Ästhetik sowjetischer Plakatpropaganda schätzen.Die starke visuelle Botschaft in RTs Projekt steht im Kontrast zu einem fehlenden positiven oder negativen Urteil über die politischen Kräfte in der Russischen Revolution: Alle Figuren in RTs Galerie der Personae von 1917 erscheinen als gleichermaßen gut und gleichermaßen schlecht – sogar Josef Stalin, den RT in dem ihm im Twitter-Auftritt des Projekts zugeschriebenen Profil scherzhaft @JoeStalin_1917 nennt.
Diese Zwei-Schritt-Methode wurde bereits in einem anderen Online-Ableger von RT namens „In The Now“ verwendet. Hier werden unterhaltsame Videos ohne politische Implikationen in sozialen Medien verbreitet, nur um gelegentlich unterbrochen zu werden von stark politischen, pro-kremltreuen Botschaften.
Angst vor einem Bumerangeffekt
Aber warum kann RT es nicht zulassen, dass beispielsweise Lenin oder Russlands letzter Zar, Nikolaus II., in der Art, wie RT die Revolution von 1917 erklärt, zu einem positiven Helden werden? Die Antwort ist wahrscheinlich, dass es in vielen Fällen nach hinten losgehen könnte.
Lenin war der Gründervater der Sowjetunion, und die positive Rolle der UdSSR z. B. im Zweiten Weltkrieg darf in pro-kremltreuer Propaganda nicht infrage gestellt werden.Aber Lenin genoss auch finanzielle Unterstützung von Kräften außerhalb Russlands – war die Oktoberrevolution also nicht in Wirklichkeit eine „Farbrevolution“, die aus dem Ausland orchestriert wurde und aus diesem Grund sehr ähnlich der Art und Weise, wie pro-kremlnahe Medien die Maidan-Revolution in der Ukraine 2014 sehen?
Ähnlich stand auch der letzte Zar, Nikolaus II., für jene Art konservativer Werte, die in pro-kremlnaher Propaganda oft gefeiert werden. Aber er war auch ein erfolgloser Politiker, der mitten im Ersten Weltkrieg abdankte. Hat er damit nicht versagt, der Art autoritären starken Führers zu entsprechen, die pro-kremlnahe Propaganda gerne feiert? Offenkundig würde RT sich lieber nicht auf diese Art von Diskussionen einlassen.
Die „freie Geschichte von 1917“
Innerhalb Russlands hat die mangelnde Klarheit seitens des Kremls darüber, wer 1917 gut und wer schlecht war, ein Vakuum geschaffen, das es Stimmen außerhalb des pro-kremlnahen Mainstreams ermöglicht hat, sich Gehör zu verschaffen. So steht beispielsweise auf der liberalen Seite der russischen Medienlandschaft der ehemalige Chefredakteur von Russlands einzigem unabhängigem Fernsehsender, TV Rain (Dozhd), Michail Sygar, hinter einer alternativen Online-Plattform über die Revolution von 1917 namens die „Freie Geschichte von 1917“, die nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Russisch verfügbar ist.Anstelle von RTs museenartiger, touristischer Plakatausstellung präsentiert das „freie“ Projekt wesentlich weniger vereinfachte Versionen der Hauptfiguren; so wird etwa RTs „Joe Stalin“ mit seinem vollen Namen, Iosif Stalin, und einem mehrdeutigen Zitat vorgestellt: „In einer Zeit der Revolution ist es nicht möglich, an einem Ort stehen zu bleiben; man kann sich nur bewegen, entweder vorwärts oder rückwärts“. Bemerkenswert ist, dass das „freie“ Projekt anstelle von RTs vereinfachter avantgardistischer Plakatdekoration ein deutlich zurückhaltenderes Design bietet, das nicht an kommunistische Propagandaplakate erinnert.
Die „Matilda“-Proteste füllen das Vakuum von rechts
Auf der gegenüberliegenden Flanke in den russischen Medien, d. h. unter jenen Angeboten, die konservativer und nationalistischer sind als der pro-kremlische Mainstream, sticht der Fernsehsender Tsargrad mit einer Reihe von TV-Produktionen über die Revolution von 1917 hervor. Die monarchistische Botschaft im Titel einer Sendereihe – „Vergebt uns, Eure Majestät“ – sagt alles. Ebenso haben Beobachter den Ausbruch zaristischer Nostalgie und religiösen Konservatismus im Umfeld der bevorstehenden Premiere von einem Spielfilm über die Liebesaffäre von Zar Nichals mit einer Ballerina, mit dem Titel „Matilda“ bemerkt.In einer jüngsten Carnegie-Russia-Veröffentlichung mit der Überschrift „Post-‚Matilda‘: neuer Konservatismus oder alte Manipulation“ kam der Kultur- und Propagandakritiker Andrei Archangelski zu dem Schluss, „dass der Kreml das ganze Jahr über einer ethischen Bewertung der Revolution ausgewichen ist […] ‚Matilda‘ hat nun das Thema der Revolution in den Schatten gestellt“. Archangelski meint, das Jubiläum habe den russischen Behörden die Gelegenheit geboten, „etwas Wichtiges zu sagen, den Terror, den Bürgerkrieg zu bewerten, ganz zu schweigen von Vergebung und Reue“, kommt jedoch zu dem Ergebnis, dass „‚Matilda‘ sehr gelegen kommt, es lenkt uns von der Diskussion wesentlicher Dinge ab“.
Weiterführende Lektüre:
Drei Dinge, die Sie über RT und Sputnik wissen sollten
„RT und Sputnik haben als Verbreiter von Propaganda und Lügen agiert“
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