Österreichisches Fernsehen konfrontiert Putin mit dem Thema Desinformation
Im Vorfeld von Wladimir Putins Besuch in Wien am 5. Juni – seiner ersten Reise in die EU, nachdem er wiedergewählt worden war – entsandte Österreichs nationaler öffentlich-rechtlicher Rundfunk, ORF, den Journalisten Armin Wolf nach Moskau, um ein Interview mit dem russischen Präsidenten aufzuzeichnen. Ein Transkript wurde auf Englisch verfügbar gemacht auf der offiziellen Website des Kreml.
Eine einzigartige Gelegenheit
Eine Reihe von Armin Wolfs Fragen an Putin befasste sich direkt mit dem Thema Desinformation. Angesichts Russlands stark kontrollierter Medienlandschaft und des geringen Maßes an Pressefreiheit wird Putin nur selten, wenn überhaupt, mit Fragen konfrontiert, die ein kritisches Licht auf russische Desinformation werfen.
Aus diesem Grund ist das Interview eine einzigartige Gelegenheit, das Denken in Bezug auf Desinformation auf Russlands höchster politischer Ebene zu verstehen; zu sehen, ob der russische Präsident bereit ist, sich auf eine Diskussion über das Thema einzulassen, und welche defensiven Positionen er dabei wählt.
HIER IST, WIE ARMIN WOLF PUTIN ZUR RUSSISCHEN DESINFORMATION HERAUSFORDERTE
Über die Trollfabrik in St. Petersburg:
„Die Regierungen westlicher Länder, Europas und vor allem der Vereinigten Staaten beschuldigen Russland, Hacker einzusetzen, um sich in die Innenpolitik anderer Länder einzumischen.In allen Ihren Interviews sagen Sie, dass dem nicht so sei; es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die sogenannte Internet Research Agency mit Sitz in Sankt Petersburg seit vielen Jahren versucht, die öffentliche Debatte auf Facebook zu beeinflussen”. „Herr Präsident, das mag gut oder schlecht sein, aber es ist nicht die Wahrheit. Herr Prigoschin betreibt nicht nur Restaurants, er hat viele Unternehmen, die Verträge mit dem Verteidigungsministerium haben und viele staatliche Aufträge erhalten; er gibt Millionen Dollar für die Trollfabrik aus, und die Menschen dort schreiben diese Beiträge. Warum braucht ein Restaurantbesitzer so etwas?”
Über MH17:
“Es gibt ein Video; es gibt Telefongespräche und Dutzende von Augenzeugen. Sie sagen nun seit etwa einem Jahr, dass das nicht stimmt, aber praktisch niemand glaubt Ihnen. Setzen Sie damit nicht die Glaubwürdigkeit russischer Aussagen aufs Spiel? Vielleicht ist es an der Zeit anzuerkennen, dass die Aufständischen in der Ostukraine russisches Militärgerät benutzt haben, um dieses entsetzliche Verbrechen zu begehen?“ „[Die Ermittler] wissen, welche Rakete es war: eine Rakete des Buk-Systems. Es war eine Brigade der russischen Armee in Kursk. Das ist eine bekannte Tatsache, und doch leugnen Sie es weiterhin.Wäre es nicht besser, zuzugeben, dass die Rakete tatsächlich aus Russland gekommen war?”
Über die Annexion der Krim:
“Viele Menschen glauben den russischen Argumenten nicht, weil Sie vor ein paar Jahren auf der Krim gesagt haben, dass die berühmten „grünen Männchen“, die Kämpfer in grünen Uniformen ohne Erkennungsabzeichen, allesamt lokale Selbstverteidigungskräfte gewesen seien. Aber etwas später wurde bekannt, dass es tatsächlich russische Soldaten waren. Danach haben Sie viele Male zugegeben, dass es sich um Angehörige der russischen Armee handelte, obwohl Sie das zuvor bestritten hatten. Warum sollten wir Ihnen jetzt glauben?”
Whataboutism und Gegenfragen
Wie Armin Wolf in einem Kommentar zu dem Interview in seinem Blog schreibt, gehören zu Putins Taktiken „Whataboutism“, Gegenfragen statt Antworten. Außerdem, so der österreichische Journalist, „wenn [Putin] etwas abstreiten will, streitet er es ab, ganz gleich, wie viele Beweise zur Untermauerung des Vorwurfs vorliegen“.
Russische Medien kontern und werfen dem Westen „Lügenpresse“ vor
Pro-Kreml-Medien und Kommentatoren sahen den russischen Präsidenten als ein Opfer eines Reporters, der „journalistische Ethik verletzt“ habe. Wladimir Solowjow, der eine auf Desinformation ausgerichtete Sendung im russischen Staatsfernsehen moderiert, beschwerte sich auf Twitter darüber, dass Putin während des Interviews 11 Mal unterbrochen worden sei.Und auch der staatseigene russische Fernsehsender Rossija 1 berichtete über das Interview unter der Überschrift „Die Lügenpresse: Putin zerstört einen unehrlichen österreichischen Journalisten im Staatsfernsehen-Interview völlig“.
Für eine detaillierte Analyse siehe diesen Artikel über das Interview , veröffentlicht von The Insider (auf Russisch).
Weiterführende Lektüre:
Über die Trollfabrik in St. Petersburg:
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Über den Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs MH17:
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Über die Annexion der Krim:
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Titelbild: Kremlin.ru